NEULAND-Blog

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| 14.08.2014 | 08:45 Uhr

Einsamkeit macht erfinderisch

Andreas Lutz

Es war so gegen 15.30 Uhr als mich der Anruf von Frau Dallmann erreichte. Frau Dallmann ist eine meiner Lieblingsmieterinnen. Wenn sie mir den Ausdruck erlauben.

Eine kleine Frau Mitte siebzig der man ihr Alter auch durchaus ansieht. Die aber jederzeit  in der Lage wäre einen Handtaschendieb mit nur einem einzigen Faustschlag niederzustrecken.

Frau Dallmann ist alleinstehend. Ihr Mann ist schon vor Jahren gestorben. Oder abgehauen. In ihrem Wohnzimmer hängt ein Hochzeitsfoto das sie als junge Frau zeigt. Zusammen mit ihrem Bräutigam. Aber sie erwähnt ihn nicht. Sie spricht auch nicht von Kindern. Vermutlich hat sie keine. Frau Dallmann ist einsam. Das zur Erklärung warum Frau Dallmann tut was sie tut. Und auch heute hat sie es wieder getan.

“Sie müssen mal wieder vorbeikommen Herr Lutz. Also, das ist doch wie verhext. Ich wollte meine Post rausholen und dabei ist mir wieder das Briefkastenschloss… also das ist sozusagen… na Sie haben es ja das letzte Mal auch so schön reparieren können. Da ist wieder dieser, dieser…”  “Splint“, helfe ich ihr.  „Ja, dieser Splint ist abgegangen und dann ist das ganze Schloss, das ist dann… also, das ist dann regelrecht in den Briefkasten gefallen.”

“Frau Dallmann”, sage ich mit einer fast väterlichen Stimme als ich Minuten später mit ihr am Briefkasten stehe. “Das ist schier unmöglich. Beim Öffnen des Briefkastens kann der Splint nicht aus dem Schloss fallen.”

“Ist er aber!” erwidert die alte Dame. Und sie sagt es in einem Ton der mir zu verstehen gibt, dass jetzt “Ende der Diskussion” ist.

Eigentlich ist das, was sie da macht, mutwillige Zerstörung fremden Eigentums denke ich, als ich den Splint mit Hilfe eines Schraubendrehers zurück in das Schloss drücke. Dazu ist schon ein gewisser Kraftaufwand nötig. Niemals, ich wiederhole NIEMALS!!! fällt so ein Splint einfach heraus. Das ist schließlich auch seine Bestimmung. Fest zu sitzen. Dafür wurde er gebaut. Dafür wurde er erfunden. Hier wurde nachgeholfen. Ganz klar. Aber die alte Frau Dallmann kann das ohne Werkzeug nicht schaffen. Mit Werkzeug aber auch nicht. Sie muss einen Komplizen haben. Jemanden der ihr den Splint aus dem Schloss zieht.

Ich habe sofort den Jungen in Verdacht der mit seiner Mutter über ihr wohnt. Warum ich gerade ihn verdächtige weiß ich nicht. Ich bin sehr schnell mit meinen Verdächtigungen. So schnell, dass ich oft mit den Begründungen nicht hinterherkomme.

Ich verdächtige ständig jemanden. Ich kann gar nichts dafür. Egal ob es der ausgeleerte Aschenbecher neben der Hauseingangstür ist oder der Müllsack mit alten Schuhen in der Biotonne. Ganz egal was es ist. Ich habe stets sofort einen Verdacht. Nur meiner schlechten Menschenkenntnis ist es zu verdanken, dass sich keine meiner Verdächtigungen je bestätigt hat.

“So”, sage ich, als ich mein Werkzeug in meinem kleinen roten Jute-Beutel verschwinden lasse, “erledigt! Wenn der jetzt wieder rausfällt, weiß ich auch nicht.” “Ein schönes Fahrrad haben Sie”, beginnt sie eine lockere Plauderei. “Ja das ist es” versuche ich zu lügen. “Das ist mein ganzer Stolz.” “Immer schön abschließen” rät sie mir. “Nicht, dass es Ihnen mal geklaut wird.” Die Hoffnung habe ich aufgegeben, denke ich bei mir.

“Haben Sie denn jetzt noch mal einen Augenblick Zeit“? fragt sie und wartet erst gar nicht meine Antwort ab, sondern weist mir mit einer Geste an, ins Haus zu gehen. Wenn es so ist wie das letzte Mal, dann wartet in ihrer Stube (ich glaube ab einem gewissen Lebensalter heißen Wohnzimmer immer “Stube“) eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen auf mich.

Eigentlich hab ich noch ‚ne Menge zu tun, will ich sagen, aber dazu komme ich gar nicht.

“So als Hausmeister hat man auch nichts auszustehen oder? Was machen Sie denn eigentlich den ganzen Tag? Ich sehe Sie ja immer nur auf Ihrem Fahrrad hin und her fahren. Haben Sie eigentlich mal gesehen wie der Müllplatz aussieht?” Das waren keine wirklichen Fragen. Eher so etwas wie Feststellungen habe ich den Eindruck.

“Na, kommen Sie erstmal rein” sagt sie und schiebt mich vor sich her.

Tatsächlich stehen wir vor einem gedeckten Kaffeetisch. Zwei Tassen, eine Kaffeekanne, ein paar Stückchen Erdbeertorte und ein Tetrapack Vollmilch. Und ein Fotoalbum. Der Fernseher läuft. Wahrscheinlich den ganzen Tag. Zumindest darin unterscheiden wir uns nicht.

Einige Minuten später sitzen wir bei Kaffee und Kuchen und blättern im Fotoalbum. “Sehen Sie mal hier, das waren die ersten Häuser in der Schillerstrasse. Als es hier noch gar keine Strassen gab. Und keine Häuser. Und das hier war die Cianetti Halle.”

Im Fernseher läuft gerade “Hier ab vier” auf MDR und Axel Bulthaupt erklärt die Bedienung eines Blutdruckmessgerätes das ganz neu auf dem Markt ist. “Wie alt sind Sie eigentlich?” fragt mich Frau Dallmann während sie zur Fernbedienung greift um den Ton lauter zu stellen. “Lange müssen Sie doch auch nicht mehr arbeiten, oder?”  “Ich bin gerade erst 50 geworden” antworte ich. Nicht ohne ein Gefühl der Entrüstung. “50?” Sie blickt erstaunt. “Das hätte ich nicht gedacht. Ich hätte gedacht das Sie älter wären.” “Im Ernst” ? entgegne ich erstaunt und nehme mir ein weiters Stückchen Erdbeertorte. Vielleicht waren es die Jahre in der Gartenabteilung der Neuland und die sengende Hitze der Detmeroder Hochebene die mich so altern ließen. Die mir diese tiefen Falten ins Gesicht gruben. Die mich aussehen lassen wie einen kalabresischen Landarbeiter bei der Tabakernte. Vielleicht hat Frau Dallmann aber auch einfach nur was an den Augen. Ich beschließe einen Termin bei meinem Frisör zu machen. Unter Umständen ist es ihm möglich meine ursprüngliche Haarfarbe zu rekonstruieren. Grau macht mich vielleicht doch etwas zu alt. Oder bin ich tatsächlich nicht so alt wie ich mich fühle, sondern bereits viel viel älter? Zur Sicherheit merke ich mir den Namen des Blutdruckmessgerätes.

“So”, höre ich mich sagen. “Ich muss dann mal los. Ich kann ja schlecht den ganzen Nachmittag hier mit Ihnen Kuchen essen. Ich hab‘ schließlich noch ‚ne Menge zu tun.”  “Was haben Sie denn zu tun?” fragt sie verwundert. “Was macht so ein Hausmeister eigentlich den ganze Tag? Das hab ich Sie vorhin schon gefragt. Ist das heutzutage eigentlich ein richtiger Beruf oder kann das jeder machen? Das kann man doch gar nicht lernen, oder? Kann man Hausmeister lernen?”

Ich verspreche Frau Dallmann beim Weggehen ihr die Aufgaben eines Hausmeisters genau zu erklären. Das nächste Mal. Wenn ihr Briefkastenschloss wieder in den Briefkasten fällt. Sie fand die Idee gut und wir einigten uns auf nächste Woche.

Aus dem Fotoalbum von Frau Dallmann

Nebau
Die ersten bezugsfertigen Häuser der Neuland.

Kaffeerunde
Frau Dallmann feiert den 5. Geburtstag der Stadt.

Käfertreffen
Der frenetisch gefeierte erste Kreisel in Wolfsburg.

Spaziergang
Erster verkaufsoffener Sonntag. Allerdings noch ohne Geschäfte.

Andreas Lutz

Über Andreas Lutz

Ich bin seit 1985 im Unternehmen tätig. Die Jahre als Mitarbeiter des Gartenbaus wurden von einer ca. 3 1/2 jährigen Arbeit als Hausmeister in der Innenstadt unterbrochen.