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Extrem menschlich



Der 47-Jährige begann 1978 bei Volkswagen als Werkzeugmacher und ist heute als "Gesundheitsbotschafter" des Konzerns und der Vereinten Nationen in Sachen HIV/Aids tätig. Als erfolgreicher Extremsportler und Abenteurer entdeckte er seine größte Leidenschaft: den Kampf gegen eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit. Er tut das auf ungewöhnlichen Wegen, etwa mit der "7. aids-awareness-expedition", wo er mit seinem Team und vielen Unterstützern in zehn europäischen und elf afrikanischen Ländern auf die höchsten Gipfel geht, um symbolträchtig für das Thema Aids Aufmerksamkeit zu erzeugen.
weltraum: "Ab heute alles anders": Dein Buchprojekt ist sehr erfolgreich. Worum geht es?
Joachim Franz: Es geht um Veränderungsprozesse bei Menschen, es geht um Bewegung - auch geistige -, um Gesundheit und das Verfolgen von Zielen. Dabei kommt ein Expertenteam zu Wort, das mich auf meinem Weg begleitet hat. Es werden keine kurzfristigen Versprechen gemacht, sondern wirksame, individuelle Programme beschrieben. Das Ganze geschieht ohne Zeigefingermentalität. Jeder kann sich darin wiederfinden, der Übergewichtige ebenso wie der Sportler - auch derjenige, der nach neuen Zielen sucht.
weltraum: Was bedeutet für dich Fitness?
Joachim Franz: Der leider schon etwas überstrapazierte Begriff Work-Life-Balance trifft die Sache wohl am besten. Mir geht es um das Wohlfühlen, um den guten Einklang zwischen Körper, Geist und Seele. Die gesunde Basis bildet dabei ein möglichst schmerzfreier Körper als Voraussetzung für private und berufliche Erfolgserlebnisse. Ich bin kein Anhänger von Quälerei, für mich gehört immer Spaß mit dazu, auch wenn das von außen manchmal nicht so gesehen wird. Eine gute Fitness schafft die besten Voraussetzungen für ein erfülltes Leben und ist die Quelle für die Kraft, die wir brauchen, um unsere Ziele zu erreichen. Ich halte nicht sonderlich viel von diesen militanten Gesundheitsfanatikern. Die erfolgreichsten Leute, die ich getroffen habe, die gönnen sich alle mal was.
weltraum: Du hast immer wieder eindrucksvoll bewiesen, wie stark deine Antriebskräfte sind. Was ist das Geheimnis der Motivation?
Joachim Franz: Motivation setzt vor allem auf Geduld. Das widerspricht natürlich dem aktuellen Trend. Fast überall wird der schnelle Erfolg versprochen. Aber genau das funktioniert nicht. Kein Wunder, dass uns da manchmal der Glaube an den langfristigen Erfolg verloren geht. Um seine Ziele erreichen zu können, muss man ein bisschen so vorgehen wie beim Sparen: Man braucht einen Plan, muss kontinuierlich etwas tun und darauf vertrauen, dass man jeden Tag seinem Ziel näher kommt. Der Tag, an dem man sich verändert, ist nicht der Tag, an dem man beispielsweise anfängt zu joggen. Vielmehr beginnt die Veränderung mit einem planvollen Vorgehen: regelmäßiges Dehnen, Kräftigung der Muskeln und Sehnen, mit Unterstützung durch Arzt, Chiropraktor und Physiotherapeut. Ganz wichtig ist es, sich klarzumachen, wo man heute steht und wohin die Reise gehen soll. Denn: Wenn du nicht weißt, wo du stehst, dann weißt du auch nicht, wo du hingehen sollst.
weltraum: Wie sieht heute dein Alltag aus?
Joachim Franz: Menschen treffen, Netzwerke knüpfen, Ideen produzieren und umsetzen. Ich setzte meine Kraft dafür ein, dass den Menschen geholfen werden kann, die am schlechtesten dran sind: Kinder und Jugendliche, die durch HIV zu Waisen geworden sind oder selber Aids haben. Ich war gerade in Afrika und habe mir eine neue Aids-Station für Säuglinge angeguckt. Wenn du da wiederkommst, merkst du, dass sich deine Werte dauerhaft verändern.
weltraum: Du beschäftigst dich seit 1999 mit dem Thema Aids, kämpfst seit 2003 aber noch energischer gegen die Ursachen und Auswirkungen dieser Krankheit. Gab es ein besonderes Schlüsselerlebnis?
Joachim Franz: Theoretisch wusste ich bereits viel über Aids. Aber 2003 habe ich mir die Zustände in den Townships angeschaut und hatte zum ersten Mal die Chance, in eines dieser afrikanischen Krankenhäuser reinzugehen. Dort hat man mir ein vierjähriges Mädchen in den Arm gelegt, das im Gesicht bereits gealtert und deren Körper völlig ausgemergelt war. Sie sagten zu mir: "Halt mal, die Kleine stirbt gerade, streichel sie noch mal, das hat bisher noch keiner gemacht." Dann streichelst du das Kind und merkst, dass da schon kein Leben mehr drin ist. Dann gehst du raus und fragst dich, ob du das überhaupt kannst, und schämst dich gleichzeitig dafür. Seit dieser Situation bin ich lauter und stärker im Kampf gegen Aids geworden. Das Kind ist viel mehr als ein Symbol. Jeden Tag sterben auf unserer Welt über 8 000 Menschen an Aids.
weltraum: Was können wir, die ja nicht deine Möglichkeiten haben, tun?
Joachim Franz: Nicht ignorant sein und das Thema zulassen. Und nicht so tun, als ob es Aids nicht gäbe. Wenn das weltweit geschehen würde, hätten wir weniger Probleme. Das Thema ist immer noch schmutzig angehaucht und viele fühlen sich davon nicht angesprochen.
weltraum: Du wolltest ja mit einer Deutschland-Expedition auf das Thema Aids aufmerksam machen. Was kam dabei heraus?
Joachim Franz: Wir sind im letzten Jahr 44 deutsche Städte in Form einer Aids-Schleife abgefahren. Unglaublich, was wir dort teilweise an ausländer- und schwulenfeindlichen Sprüchen, auch von Verantwortlichen der Städte gehört haben. Dazu eine Uninformiertheit, die nicht nachvollziehbar ist. Kaum einem ist ja klar, dass wir die höchsten Zuwachsraten bei den zwischen 15- und 18-Jährigen haben. Mit dem Thema kennen sich verhältnismäßig wenige Menschen aus. Immer scheint es ein Problem der anderen zu sein. Natürlich hat Aids viele schreckliche Gesichter und zeigt sich in Deutschland anders als in Nepal. Alarmierende Zahlen hören wir inzwischen nicht nur aus Afrika, sondern aus Osteuropa und Zentralasien. Dazu kommen alle Länder, in denen Kinder- und Zwangsprostitution leider eine große Rolle spielen. Aids ist ein Phänomen der Gegensätze: Dort, wo die Menschen entweder besonders arm oder extrem reich und zügellos sind, findet Aids einen besonders fruchtbaren Nährboden. Ein gutes Beispiel dafür ist das kanadische Toronto. Hier gibt es Geld in großen Mengen, und damit verbunden ist eine gewisse Zügellosigkeit vorhanden.
weltraum: Worauf freust du dich, wenn du nach Hause kommst?
Joachim Franz: Auf die Ruhe, die man in Wolfsburg hat. Zuhause kann ich richtig gut wegtauchen. Ich freue mich auf mein Bett, ein ausgedehntes Frühstück und abends auf ein Essen mit Freunden. Für mich gehört in ein Haus oder eine Wohnung ein Tisch mit mindestens zehn Stühlen. Freunde, Spaghetti und Rotwein, ein ungezwungenes Zusammensein, das ist ein Kreativpool, aus dem manchmal mehr entsteht als in angestrengten Manager-Runden.



