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Alles anders!

 




Lena -
die 18-jährige Lena Horn brach im August 2008 auf in eine neue Welt. Als Austauschschülerin verbrachte sie ein Jahr in Argentinien. „Ich wollte unbedingt mal ein Jahr weit weg aus Deutschland. Ich hatte Lust, eine neue Welt zu entdecken – wollte sehen, wie die Leute woanders sind und wie sie leben. Außerdem war ich auf das Fremde gespannt und wollte wissen, ob man das Alte vermisst.“ Damals sollte es nach ihrer Ankunft in Buenos Aires weiter gehen in die Provinz Tucumán, in die kleine Stadt Concepción. Doch Lena wurde nicht von ihrer Gastfamilie abgeholt. Chaos und Ungewissheit sollten Lenas Alltag in den ersten zwei Monaten begleiten: Ihre Gastfamilien musste sie erst fünfmal wechseln, bevor sie tatsächlich in ihrem neuen Zuhause ankam. „Zum Glück“, erzählt Lena, „habe ich schon nach kurzer Zeit Freunde gefunden und deshalb nie ernsthaft darüber nachgedacht, aufzugeben und vorzeitig nach Hause abzureisen.“

Und wie sah sie aus, ihre neue Welt? „Ich hatte nie gedacht, dass dieses Land so anders ist als erwartet. Obwohl Argentinien einen Dritte-Welt-Status hat, sind alle immer sehr herzlich. Man erlebt noch dieses echte Familienleben. Überall sieht man fast nur alte Autos und im Gegensatz zu mir sind alle Menschen dunkelhaarig. Es nervt ein bisschen, wenn man schon eine Weile im Land ist und trotzdem wie eine Fremde wahrgenommen wird.“ In der Schule entwickelte sich das  Zugehörigkeitsgefühl schneller. Lena sang die argentinische Nationalhymne mit, sie übernahm Rollen in Theaterstücken. Und die Freundschaften in Argentinien erlebte sie – im Vergleich zu Deutschland –  als viel offener. Fast alles wird in der Gruppe unternommen. Abends geht es oft erst gegen drei Uhr nachts auf die Piste. Die Jugendlichen haben zusammen fast durchgehend Spaß, feiern einfach drauflos und machen sich keine Gedanken darüber, wie sie später nach Hause kommen werden.
Im Juni 2009 kam dann der Tag des Abschieds. „Es war schrecklich“, erinnert sich Lena, „schon zwei Wochen vorher konnte ich nicht schlafen. Ich wusste ja nicht, ob ich alle, die mir ans Herz gewachsen sind, jemals wiedersehe.“ Heute sagt sie: „Ich würde jedem dieses Abenteuer sofort empfehlen, um zu entdecken, ob es noch etwas anderes gibt als tolle Autos und einen guten Job. Und neu zu erfahren, wie gut es uns hier geht.“ Ihr Fazit: „Ich fühle mich jetzt noch offener und stärker. Wenn ich es in einem anderen Land geschafft habe, dann kann ich es wahrscheinlich überall schaffen.“

Margret
Für Margret John war der Anlass für ihren Neuanfang ein trauriger. Nach dem Tod ihres Mannes musste sie sich zwangsläufig neu orientieren. Umso mehr freut sich die 71-Jährige auf den Frühling und auf ihren Garten. „Wenn ich jetzt in die Natur hinausgehe, dann gibt mir das Trost und Kraft, weil ich an Orten bin, an denen auch mein Mann war“, sagt die gelernte Schneiderin. Wie für die Aquarellmalerei hat sie auch für ihren Garten in all den Jahren eine große Leidenschaft entwickelt. Hier draußen kann sie für sich sein und ihren Gedanken nachhängen. Beim Rosenbeschneiden oder Unkrautjäten entstehen Inspirationen und Ideen. Diese bilden die Grundlage, um etwas Neues zu gestalten – um eine natürliche Ordnung zu schaffen. In dieser Natur-Welt blüht Margret auf. „Man kann ein Gesamtbild gestalten, wenn man die Naturgesetze mit einkalkuliert“, sagt sie. Schließlich hat es zehn Jahre gedauert, bis der Garten seinen paradiesischen Zustand von heute erreicht hat. Mit Geduld und Arbeit, Liebe und Disziplin entstand eine saftige Garten-Oase.

Wie erlebt eine Gartenliebhaberin die Aufbruchsstimmung des Frühlings? „Im März oder April, wenn der Schnee weg ist, bin ich immer wieder freudig erstaunt, wenn ich die ersten Frühlingsboten, die Schneeglöckchen, entdecke – und sie nach und nach ihren Weg ins Freie finden. Dann kommen die Krokusse, Märzenbecher und Leberblümchen. Die Temperaturen steigen, die Vögel kehren zurück, sie zwitschern im Garten und beginnen Nester zu bauen. Von Tag zu Tag sendet die Natur jetzt andere Signale. Man spürt und riecht die Frische der neuen Jahreszeit. Wenn sich draußen alles allmählich leicht grün färbt, an den Sträuchern sich kleine Knospen bilden, dann wirkt das auch für uns Menschen ansteckend. Man kann länger draußen bleiben und fühlt sich inspiriert. Und ich kann im Garten spontan etwas umsetzen oder neu pflanzen, was in diesem Winter eventuell erfroren oder unter der Schneelast erstickt ist.

Nach getaner Arbeit belohnt sich die Gartenkünstlerin selbst: „Am liebsten sitze ich auf einem meiner Lieblingsplätze – im Schatten eines Baumes oder in einer windstillen Gartenecke. Dann lese ich oder genieße, wie ringsherum alles schön und vollkommen ist.“

Atilla, Nele und Clara
Für Atilla Sentürk-Marahrens, der einen technischen Beruf erlernte, kam nach 10 Jahren Firmenzugehörigkeit eine Wende, als seine Firma Insolvenz anmeldete. Der 42-Jährige, der heute als Vertriebs- und Marketingleiter arbeitet, erinnert sich: „Nach dem ersten Unbehagen musste ich mich neu orientieren, neue Gedanken und Ideen zulassen. Damals bin ich kurzentschlossen in die Computerbranche eingestiegen. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass jeder selbst verantwortlich ist, ob er stehen bleibt oder ob es weitergeht.“

Einen Neustart der wunderbaren Art erlebt Atilla zur Zeit gemeinsam mit seiner Frau Nele. Als schönstes Symbol der Erneuerung erblickte ihre Tochter Clara im Dezember 2009 das Licht der Welt. Die 35-jährige Mutter erinnert sich an das Ergebnis ihres Schwangerschaftstests: „Obwohl man eigentlich vorbereitet sein müsste, kommt einem der Moment der Wahrheit zuerst unwirklich vor. Man schaut auf das Testergebnis, braucht etwas Zeit und dann ist es plötzlich da: das Gefühl der puren Freude.“ So ähnlich ging es auch dem Vater. „Zu erfahren, dass der Wunsch nach einem Kind Realität wird, löst die größte Aufbruchsstimmung aus, die ich mir vorstellen kann. Man fragt sich aber auch, ob man das kleine Wesen schützen und dafür sorgen kann, dass es sich gut entwickelt.“ Und seine Frau Nele ergänzt: „Ich habe mich damals gefragt: Wie schaffe ich das auch beruflich, wenn ich nicht nur Mama und Hausfrau sein will?“

Und dann kam Clara! Nach den überwältigenden ers-ten Erfahrungen gehört das Baby inzwischen zum Alltag der Familie. Nele: „Es ist wunderschön und manchmal auch etwas anstrengend. Manchmal wird einem die große Verantwortung bewusst. Aber das Schöne überwiegt. Ich wünsche uns vor allem ein glückliches Kind. Am schönsten wäre ein glückliches Familienleben, in dem wir auch als Paar vorkommen und trotzdem jeder seinen eigenen Freiraum behält.“ Die junge Mutter denkt für die Zukunft daran, ihren Job als Projektassistentin und Vertriebsleiterin mit einer Homeoffice-Tätigkeit zu stemmen. Doch im Moment genießen alle drei ihren frühlingshaften Neuanfang. Atilla blickt dabei positiv, aber realistisch in die Zukunft: „Ich freue mich auf alles, was da kommt. Das Leben ist halt kunterbunt – und wir haben es ja ständig mit neuen Aufbrüchen zu tun.“

Zeit für Neuland –
    Impulse zum Durchstarten


Je sicherer wir uns als Kind gefühlt haben, desto leichter sind wir später bereit, unbekanntes Terrain zu betreten. Egal, ob wir Mamas Hand für die ersten eigenen Schritte oder eine festgefahrene Überzeugung loslassen, wir brauchen Vertrauen.

Abschied von alten Mustern oder „Trennungskompetenz“ (Johanna Müller-Ebert) können wir lernen. Wenn wir Kleiderschrank, Keller oder Kopf entrümpeln, bietet sich die Gelegenheit, Werte, Einstellungen und Beziehungen zu sichten. Um dann Prioritäten neu zu setzen.

Erst nach einem Schlussstrich können wir uns wirklich verändern. Das betrifft auch überhöhte Ansprüche an uns selbst. Nach dem Prinzip „Weniger ist mehr!“ (soziales Downshifting) könnten wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Das Zauberwort heißt „Loslassen!“. Trauen wir uns ruhig mal den Schritt ins Unbekannte, denn 85 Prozent der Schreckensvisionen treten ohnehin nie ein. „Loslassen bedeutet eine Zunahme an Freiheiten und kreativem Potenzial“, sagt Psychologin Johanna Müller-Ebert.

Jede überholte Software braucht ein Update. Warum überprüfen auch wir uns nicht von Zeit zu Zeit selbst? Was passt heute zu mir, was nicht (mehr)? Was ist mir wirklich wichtig? Nach ehrlicher Beantwortung wird es Zeit für einen Neustart.

Auswahl an Möglichkeiten und Lebensentwürfen haben wir mehr als genug in unserer „Multioptionsgesellschaft“ (Irmtraud Tarr). Müssen wir wirklich unsere wertvolle Energie an Dinge, Menschen oder Aktivitäten verpulvern, die uns nichts mehr bedeuten oder sogar schaden?

Im Zen-Buddhismus gibt es den Begriff des „Satori“. Übersetzt bedeutet er „Erwachen!“. Gemeint ist das Erwachen aus dem gewohnten Alltag – quasi ein Erwachen des menschlichen Frühlings.