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Die Bettlerin in der Einkaufspassage, der zusammengetretene Ausländer am Boden, die einsame Seniorin von nebenan oder das hungernde Kind am anderen Ende der Welt ... Während es Menschen gibt, die einfach wegschauen, übernehmen andere Verantwortung. Ist Nächstenliebe out oder aktueller denn je? Zwischen einer Mutter Theresa und einem brutalen Schläger, zwischen spontaner Unterstützung und unterlassener Hilfeleistung liegen offensichtlich Welten. Wirklich?

Für die meisten Menschen scheint Nächstenliebe eng mit religiösen Werten einherzugehen. Welche Leitideen werden uns dabei vermittelt? Für den katholischen Prälaten Heinrich Günther (St. Christophorus) steht hinter dem Bibelzitat von der Nächstenliebe der Glaube, dass jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Damit hat jeder Mensch seinen Wert und seine Würde – gleichgültig, zu welchem Volk er gehört, welchen Glauben er hat und wie alt er ist.

So sieht das auch Pastorin Mechthild Weidner von der evangelisch-lutherischen Michaelisgemeinde: „Wir brauchen das Vorbild der uneingeschränkten Liebe Gottes. Denn viele Menschen gehen, besonders wenn sie im Stress sind, sehr ungeduldig mit sich und anderen um. Da hat die Liebe wenig Raum. Wenn ich die Liebe Gottes erkenne, sehe ich mich selbst mit liebevollen Augen und respektiere, dass der andere ebenso wenig perfekt ist wie ich – und genauso liebenswert wie ich. Durch das Nervige hindurch sehe ich seinen Frust, seine Erschöpfung, seine Sehnsucht. Damit könnte es anfangen: sich ernsthaft für andere Menschen zu interessieren, sie als liebenswert einzustufen.“

Wo beginnt Nächstenliebe, wer ist dieser ominöse „Nächste“? Die Pastorin: „Nicht dort, wo es mir leichtfällt, auf jemanden zuzugehen oder mit ihm zu sprechen, ist Nächstenliebe gefragt, sondern dort, wo es nicht so leicht fällt.“ Heinrich Günther verweist auf die alltäglichen Begegnungen: „Das Leben legt uns gelegentlich Menschen „vor die Füße”, die uns brauchen. Dann sind wir gefordert. Da helfen weder Weg-Sehen noch Aus-Reden. Schließlich, sagt der Prälat, habe jeder von uns auch schon (einem) anderen „vor den Füßen gelegen” und war auf dessen Hilfe angewiesen. „Ich bin dankbar, dass sich jemand – manchmal auch ein Fremder – zu mir herabbeugte, mir half und Nächstenliebe gab. Wir brauchen nicht lange nachzudenken, wenn uns ein Mensch “vor die Füße gelegt wird”. Wir wissen, was zu tun ist. So wird ein Mensch zu meinem Nächsten.“

Der konkrete Begriff der Nächstenliebe wird im Islam nicht direkt benutzt. Stattdessen verwendet der Koran die Begriffe des „Bruders“ und des „Nachbarn“. Beide stehen für den „Nächsten“. Mohamed Ibrahim, Geschäftsführer des Islamischen Zentrums Wolfsburg und Imam (Vorbeter) in der hiesigen Moschee, erläutert, was im Koran steht: „Wünsche deinem Bruder das, was du dir auch wünschst. Möglicherweise ist diese Einstellung zur Nächstenliebe sogar realistischer als der hohe Anspruch, den anderen so zu lieben wie sich selbst.“ Aus den „brüderlichen“ Wünschen leitet sich die konkrete Hilfsbereitschaft ab. Bei dem Begriff des „Nachbarn“ spielt es übrigens keine Rolle, ob dieser die eigene Einstellung oder Religion teilt. Ibrahim erläutert:  „Für den allgemeinen menschlichen Umgang gibt es den Spruch des Propheten: „Begegne allen Menschen mit gutem Charakter.“ Und dazu, ergänzt Mohamed Ibrahim,  „zählt auch die praktische Hilfsbereitschaft.“

Kommen religiöse Impulse überhaupt im Alltag an? Frau N. (Name der Red. bekannt) findet es selbstverständlich zu helfen, wo sie kann. Sie fühlt sich nicht religiös verpflichtet, sondern folgt einfach dem Leitsatz: „So wie ich gerne behandelt werden möchte, so behandele ich auch andere Menschen“. „Ich finde es selbstverständlich“, sagt die lebenserfahrene Frau, „nicht nur für meine Familie, sondern auch für die Menschen in meiner Umgebung da zu sein, wenn ich gebraucht werde.“ So spiegelt sich auch in der konkreten nachbarschaftlichen Unterstützung ihre innere Einstellung wider. „Als ein junges kurdisches Paar aus dem Irak bei mir in den Hauseingang zog, habe ich dem Mann beim Deutschlernen und mit den Formularen geholfen. Für das kleine Kind der Familie bin ich inzwischen sogar die ‚Oma‘.“ Kein Wunder, dass die hilfsbereite Dame ihrerseits nachbarschaftliche Hilfe erfährt.

Es gibt unzählige Menschen, die durch ehrenamtliche Tätigkeiten und soziales Engagement, durch spontane Hilfsbereitschaft oder Zivilcourage dem Sinnbild der Nächstenliebe folgen. Und es gibt viele Menschen, die es nicht tun. Schlimmer noch: Nicht selten finden wir uns in einer erschreckend brutalen, feindseligen oder ignoranten Alltagswelt wieder. Hier herrschen alle möglichen Gesetze, nur nicht das der Nächstenliebe. Harry Guta sorgt in Wolfsburg gemeinsam mit seinen Kollegen von „Streetlife“ unter anderem dafür, dass Jugendliche einen Ansprechpartner finden. Ein Problemkreis sind junge Gewalttäter. Der Sozialarbeiter und Gewaltberater identifiziert Zusammenhänge zwischen dem rauen Leben der „Straße“ und der nicht selten fehlenden Nächsten- beziehungsweise Eigenliebe. „Man kann erst andere Menschen akzeptieren, wenn man wohlwollend mit sich und seinen Schwächen umgeht. Und genau das ist die Basis meiner Arbeit“, sagt er. Um aggressiver Energie vorzubeugen, trägt Guta dazu bei, dass gewaltbereite Jugendliche mehr Empathie (Einfühlungsvermögen) empfinden. Sie kennen eher das Prinzip der Abwertung und werden deshalb leichter zu Gewalttätern. Guta: „Ich versuche, einen Kontakt zu ihnen aufzubauen und rege sie an, über sich und ihre Außenwelt realistischer nachzudenken. So, wie sie sich und andere bisher wahrnehmen, sehen sie Gewalt oft als einzige Alternative. Ich muss ihnen dann deutlich vermitteln: Was du suchst, wirst du auf deinem Weg nicht finden.“ Was ließe sich dagegensetzen – Nächstenliebe? Dieser Begriff passt sicher nicht zur Sprache der Straße. Möglicherweise aber die Haltung, die dahinter steht: Respekt und Solidarität. Der Spezialist für Kriminalprävention sieht es realistisch: „Letztendlich muss man nicht jeden lieben, aber man muss den anderen auch nicht abwerten.“

Von welcher Seite wir das Thema Nächstenliebe auch betrachten: Sie ist offensichtlich eine Energie, die bei uns selbst beginnt und, wenn vorhanden, unsere Welt positiv beeinflusst.  Selbst wenn Religion, Moral oder Realität uns Zugänge ermöglichen, lohnt sich doch ein Blick hinter unsere eigenen Kulissen. Wer ist uns persönlich der Nächste, dem wir Hilfe gewähren oder verweigern? Wieweit sehen wir uns überhaupt in der Verantwortung gegenüber Bedürftigen, die uns zufällig begegnen, in direkter Nachbarschaft oder weit weg leben. Helfen wir, weil wir einem inneren Impuls folgen oder einer moralischen Haltung? Fragen, die nicht nur in die Adventszeit passen. Weil die Antworten darauf aufschlussreich sein könnten. Weil die Beschäftigung mit dem Thema einiges ans Tageslicht fördert: über uns und unsere „Menschlichkeit“. Vielleicht sogar über den tatsächlichen Grad unserer Zivilisation.