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Spieltrieb

 






Die Götter haben das Spiel erfunden, sagt man. Sicher aber ist eines: In jedem von uns steckt ein Spieltrieb. Bei allen Säugetieren – inklusive uns Menschen –  lässt sich das spielerische Element als angeborenes Sozialverhalten beobachten, das vor allem während der Kindheit offensichtlich in Erscheinung tritt. Dieser Spieltrieb macht für unsere Entwicklung auch Sinn. Er ermöglicht das Lernen durch Versuch und Irrtum und bildet ganz nebenbei Kenntnisse und Fähigkeiten aus. Und das Schritt für Schritt. Ein Kind spielt zunächst mit sich selbst, bevor es sich im Alter von zwei bis sechs Jahren auch mit Spielzeug, Gegenständen und mit anderen Menschen in Form von Gruppen- und Rollenspielen beschäftigt. Die spielerische Grundeinstellung in uns dauert, wenn alles gut geht, ein Leben lang. Laut wissenschaftlichen Erkenntnissen war das schon immer so.  Bereits die Sammler und Jäger der Steinzeit sollen sich ihre Zeit mit Spielen versüßt haben, indem Erwachsene wie Kinder ihre Geschicklichkeit und Ausdauer im spielerischen Miteinander übten. Wie tief in der Entwicklungsgeschichte verwurzelt die menschliche Spielanlage ist, belegen zahlreiche Spiel-Motive gefundener Höhlenzeichnungen und Tonmalereien. Sie zeigen die Anfänge der Brett- und Gesellschaftsspiele. Und heute? Gefühlt macht das Spielen in unserem Kulturkreis vor allem den Jüngeren nur noch Spaß, wenn ein Display blinkt und eine Software im Spiel ist.  Wer auf diesen Eindruck setzt, hat allerdings verloren. Denn Gesellschaftsspiele verkaufen sich blendend. Trotz Computer und Konsolen boomt der Spiele-markt der nichtelektronischen Spiele. Und die Spiele zum Anfassen werden auch in diesem Jahr gleich stapelweise unter dem Christbaum liegen, weil der Spaß mit den „echten“ Spielen eine der großen Leidenschaften der Deutschen ist und bleibt. Wahrlich kein Spielgeld, sondern über 430 Millionen Euro werden die Bundesbürger im laufenden Jahr für das Kulturgut Gesellschaftsspiel ausgeben. Das sind acht Prozent mehr als im Vorjahr und gleichzeitig so viel wie keine andere Nation weltweit, meldet die Fachgruppe Spiel im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie. Damit stellen erneut Spiele und Puzzles die stärkste Warengruppe im gesamten deutschen Spielwarenmarkt. Die 28. Internationalen Spieletage in Essen waren im Oktober für die Fans von Brettspielen das ersehnte Mekka, zu dem über 150.000 Spielbegeisterte pilgerten. Fast 800 Aussteller aus 32 Ländern präsentierten mehr als 650 Neuerscheinungen. Zu entdecken gab es auch eine neue Version des mittlerweile 75 Jahre alten Klassikers Monopoly, mit rundem Spielbrett und Kreditkarte als Zahlmittel. Der „Deutsche Spiele Preis“ ging an Fresko, ein Strategiespiel über die Gestaltung einer kirchlichen Deckenmalerei. Der Renner für jüngere Leute ist „Schlag den Raab“ als Gesellschaftsspiel.

Wer erfindet eigentlich Spiele und wie entstehen die Ideen dazu? Der Wolfsburger Stefan Risthaus arbeitet als Jurist, entwickelt aber in seiner Freizeit Spiele. Dabei ist er so erfolgreich, dass es bereits mehrere Spiele von ihm zu kaufen gibt (weltraum verlost eines davon, siehe Infokasten). Der zweite Vorsitzende der deutschen Spieleautoren, dessen Frau ebenfalls Spielideen entwickelt, hat eigentlich schon immer Spaß am Spielen gehabt. Dabei interessieren ihn besonders historische Themen.  Auf die Idee, ein eigenes Spiel zu erfinden, ist er Anfang der 1990er Jahre gekommen. Bei einem Silvestertreffen hatten sich Freunde und Verwandte mehrerer Generationen zum Spielen verabredet. Also experimentierte er mit einer neuen Spielidee, bei der alle ihren Spaß haben sollten. „Das erdachte Spiel hat gut funktioniert. Die weiteren Spiele aus meiner Feder waren dann aber überfrachtet mit zu vielen Regeln“, erinnert sich Stefan Risthaus. Seither unternahm er viele Versuche, bis ihm der große Wurf gelang. „Beim Spiel ‚Siedler von Catan‘ rief der Verlag einmal dazu auf, eine Spielvariante mitzugestalten. Ich habe spontan mitgemacht und mit meiner Idee den 2. Platz belegt. Das gab mir den nötigen Impuls und mehr Mut für eigene Ideen.“ Und der Mut wurde belohnt. Wie etwa bei seinem veröffentlichten Spiel „Monuments“ – Wunder der Antike“. Dabei dreht sich alles um den Bau von Monumenten aus einer längst vergangenen Epoche unserer Menschheitsgeschichte. Es gilt Monumente aufzubauen, die man berühmt machen muss, bevor sie zerfallen. Die Idee dazu hat er von einer Kretareise mitgebracht. „Auf dem  Weg von der Idee bis zum Produkt durchläuft man verschiedene Stufen. Zuerst kommt die Idee, dann bastelt man einfach drauflos, benutzt auch mal eine Excel-Tabelle, spielt den Entwurf erst alleine, dann testet man ihn mit Freunden. Dabei erkennt man schnell, ob die Idee wirklich gut ist oder ob man neue Regeln braucht. Manchmal dauert so etwas mehrere Jahre,“ erzählt Stefan Risthaus. Es folgen Spielautorentreffen und Präsentationen vor Spiele-Verlagsvertretern. Ist der Spielefan eigentlich ein guter Verlierer? „Mir macht das Spielen an sich Spaß“, sagt Risthaus. „Wenn ich verliere, ist das nicht schlimm.“ Wie aber stehts im Allgemeinen mit dem Verlieren? Ist sie berechtigt, die Aufforderung: „Mensch ärgere dich nicht!“? Ein klares Ja! Denn der Mensch ärgert sich naturgemäß bei einem Misserfolg. Erwachsene verkraften das eher, Kinder explodieren schneller. Wenn Kinder im Grundschulalter „schlecht verlieren“ können, ist das erst mal nichts Schlimmes. Problematischer ist da schon eher, wenn Eltern mit den ungebremsten kindlichen Aggressionen überfordert sind. Falsch wäre es, ein Kind für einen Wutanfall zu bestrafen, meint Pädagoge Michael Schnabel: „Psychologische Untersuchungen zeigen, dass Frustrationen die Auslöser von Aggressionen sind. Daher ist es verständlich, wenn Kinder bei einem verlorenen Spiel ihrem Ärger Luft machen. Wut über ein verlorenes Spiel ist ein deutliches Zeichen für das hohe Engagement, das Kinder in das Spiel investieren.“ Besonnene Eltern kommen weiter, indem sie einige Minuten nach dem Wutausbruch das Kind ansprechen und auf seine Gefühle eingehen. Allerdings sollte auch klar angesprochen werden, dass irgendwann die Zeit des Ärgerns vorbei ist, damit man mit Freude weiterspielen oder zur Tagesordnung übergehen kann. Spielen ist ohnehin ein gute Lektion für das Leben. Es fördert laut Expertenmeinung die Sozialkompetenz, weil sich alle Spieler auf vereinbarte Regeln einlassen müssen und auch mal den Umgang mit Niederlagen trainieren können. Denn Enttäuschungen lauern ja bekanntermaßen überall und jederzeit. Und damit umzugehen, ohne dass gleich eine ganze Welt zusammenbricht, lernt man am besten schon früh beim geselligen Spiel. Spielen bedeutet schließlich miteinander zu kommunizieren, miteinander zu lernen und vor allem: gemeinsam Spaß zu haben.