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„Liebe, Lust und Älterwerden“

 

Susanne Koch lächelt: „Neulich habe ich mich mit einer Bekannten unterhalten und fragte automatisch: Ist dein Mann der Vater deines Kindes?“ Die Arbeit prägt- die Erfahrung, „dass es immer weniger Kinder gibt, die in ihrer Herkunftsfamilie groß werden“, so die Leiterin von pro familia. Jede zweite Ehe in Wolfsburg wird derzeit geschieden – eine überdurchschnittlich hohe Rate. Die Mitarbeiter von pro familia beraten nunmehr seit 35 Jahren in allen Lebenssituationen rund um Partnerschaft, Schwangerschaft und Sexualität.

Gesetzlich vorgeschriebene Schwangerschaftskonfliktberatung, das sei in der Regel, was man mit pro familia verbinde, weiß Susanne Koch. „Doch das macht nur etwa 20 Prozent der Arbeit aus.“ Oft rufe jemand an und sage: ‚Wir suchen Paarberatung. Wir sind bei Ihnen bestimmt nicht richtig. Aber vielleicht können Sie uns weitervermitteln.’ Doch auch die Paar- und Sexualberatung ist beispielsweise ein wichtiges Thema im Stormhof 2.

453 Beratungen dazu gab es allein im letzten Jahr. „Oft kommen Paare, die ihre Beziehung retten möchten, aber nicht wissen, wie. Welche Kompromisse sind nötig? Welche Wünsche gibt es an den Partner, wie kann man sie im Alltag umsetzen?“, erläutert die  Diplom-Sozialpädagogin.

Streit in Partnerschaften läuft oft nach demselben Muster ab. „Die Frau sagt beispielsweise: ‚Du liebst mich nicht’ und dann knallen Türen. Auch hier hat jemand mal die Tür zugeknallt und war weg.“ Chance der Paarberatung sei, dass ein moderierender Part dabei ist. „Man fragt dann zum Beispiel: „Woran machen Sie fest, dass Ihr Partner Sie nicht liebt?“ Und man schaut auch: Gibt es überhaupt noch die liebevolle Basis?“ Ein weiteres zentrales Thema sei Unzufriedenheit in der Sexualität. Nicht selten hätten Paare Schwierigkeiten, sich über Sexualität zu unterhalten: „Sie schaffen es nicht, eine liebevolle und nette Sprache zu entwickeln. Oft scheitert es schon daran, ein passendes Wort für die Geschlechtsteile zu finden.“ Bei Erektionsstörungen würden die Betroffenen zunächst gebeten, einen Mediziner aufzusuchen. „Oft ist organisch alles völlig in Ordnung. Die Störung muss also psychische Ursachen haben. Mögliche Faktoren: Überforderung in der Partnerschaft oder Stresssituationen.“

Relativ neu sei, dass immer öfter ältere Frauen Beratung suchten: „Wenn die Kinder aus dem Haus sind, gibt es oft eine Neuorientierung. Man fragt sich: Möchte ich bis ans Lebensende in der Partnerschaft bleiben? Was müsste sich ändern – und wie realistisch ist es, dass es sich ändert? Auch Geld ist ein Thema: Schaffe ich es alleine?“ Hier biete pro familia Kurzberatungen durch eine Rechtsanwältin an, etwa zum neuen Unterhaltsrecht.

Eine weitere wichtige Säule der täglichen Arbeit ist die Schwangerenberatung. 762 Beratungen gab es 2009. 46 der schwangeren Frauen waren dabei unter 18! pro familia unterstützt im Umgang mit den Ämtern, informiert über Mutterschutz und Elternzeit, Geburtsvorbereitungskurse und Hebammen und berät zu finanziellen Hilfen, berichtet Diplom-Sozialpädagogin Anne Henken. „Die Bundesstiftung ‚Mutter und Kind’ mit Sitz in Hannover gewährt Schwangeren in finanziellen Notlagen zum Beispiel eine einmalige Hilfe für die Erstlingsausstattung. Wir helfen bei der Antragstellung.“ Viele Ratsuchende, so Anne Henken, bezögen ALG-II. „Sie erkundigen sich beispielsweise, ob sie mit ihrem Partner zusammenziehen dürfen. Wir haben einen ‚heißen Draht’ zur Arge, um auf kurzem Weg Dinge zu klären.“
„Liebe, Lust und Älterwerden“, dieses Thema hat sich pro familia auf die Fahnen geschrieben. Alle Altersgruppen werden angesprochen. Die älteste Ratsuchende bislang war 85 Jahre alt. Ein Ziel aller Beratungsgespräche sei, sich unabhängig von der Meinung anderer zu machen – herauszufinden, „was die ureigene Entscheidung ist“, so Susanne Koch.

Bleibt noch die Frage nach der hohen Scheidungsrate. Welche Erklärung gibt es dafür? „Gedanken über Beziehungen machen sich viele, aber die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen, ist gering“, antwortet Anne Henken. „Viele Frauen sind heute finanziell unabhängig und sagen: Es klappt halt nicht, Punkt. Manche gehen nicht zur Beratung, weil sie sagen, die Probleme gingen niemanden etwas an.“ Hinzu komme, dass eine Scheidung kein Stigma mehr sei: „Es hat den Touch von Normalität bekommen.“

Beratungstermine bei pro familia können unter Telefon 0 53 61 . 2 54 57 vereinbart werden. Wichtig zu wissen: Das sechsköpfige Team unterliegt der Schweigepflicht: „Ruft die Mutter an, dürfen wir nicht mal sagen, dass die Tochter da war.“