NEULAND-Blog

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Archiv für den Autor: Andreas Lutz

Andreas Lutz

Andreas Lutz

Ich bin seit 1985 im Unternehmen tätig. Die Jahre als Mitarbeiter des Gartenbaus wurden von einer ca. 3 1/2 jährigen Arbeit als Hausmeister in der Innenstadt unterbrochen.

| 15.01.2015 | 12:58 Uhr

Allgemein, Hausmeister : Wenn hier nich gleich Ruhe is…

Andreas Lutz

Ein Blick in mein Notizbuch verrät mir: Herr Rotleff wartet immer noch auf eine funktionierende Treppenhausbeleuchtung. Zur Sicherheit stecke ich ein paar Glühbirnen mehr in die Satteltaschen meines Fahrrads. Man weiß ja nie. Und außerdem…ich hab’s ja. Ich kann mit Stolz behaupten, dass ich über einen nicht unerheblichen Vorrat an Glühbirnen verfüge. Ich hab mal durchgerechnet, dass ich bei 75 Hauseingängen (das sind dann ja auch 75 Kellergänge und 75 Treppenhäuser und 75 Dachböden) auf ca. 1.050 Glühbirnen komme. Da kann es durchaus vorkommen, dass einer Birne der Glühfaden durchbrennt und ich das nicht gleich mitbekomme. (Vielen Dank im voraus für Ihr Verständnis). Im Winter fällt das schon mal auf. Da wird es früh dunkel. Da sehe ich, wenn ich wieder mal an den vermüllten Müllplätzen vorbeifahre schon eher, wenn auf einer Etage kein Licht brennt. Aber im Sommer? Da ist der Hausmeister auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Auf Menschen wie Herrn Rotleff. Lessingstraße 97.

Mit meinen Satteltaschen voller Leuchtkörper und einer Trittleiter im Anhänger meines Fahrrads mache ich mich auf den Weg. Da die Straßen, für die ich als Hausmeister zuständig bin, alle nah beieinander liegen, habe ich mein Ziel schnell erreicht. Vor dem Haus stelle ich mein Dienstfahrrad ab. Ich stecke mir zwei Packungen mit Glühbirnen in die Jackentasche und klemme mir die Trittleiter unter den Arm. Im Hausflur drücke ich auf den Lichtschalter für die Treppenhausbeleuchtung. In der zweiten Etage ist die Birne kaputt. Na dann…

Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, hechte ich die Treppe in den zweiten Stock hinauf. Das Ausklappen der Leiter und der professionelle Griff zur Lampenabdeckung ist eins. Wie aus einem Guss würde ich mal sagen. Das sehen Sie bei Movimentos auch nicht eleganter.

Dabei eine gute Figur zu machen ist mir schon sehr wichtig. Wer weiß, wer mich dabei alles durch den Türspion beobachtet. Da will ich mich doch wenigstens ein wenig weltmännisch geben. Auf der Leiter stehend will ich gerade die defekte Birne herausdrehen, als die Wohnungstür rechts von mir aufgeht.

Es ist Herr Rotleff, der sich vor mir aufbäumt. Ich blicke trotzdem auf ihn herab. Denn ich stehe ja auf der Leiter. „Guten Tag sage ich. „Die Lampe funktioniert gleich wieder. Gleich haben Sie wieder Licht.

„Müssen wir uns das eigentlich gefallen lassen? Ich zahle genauso Miete wie alle anderen. Herr Rotleff scheint sichtlich erbost zu sein. Sein Gesicht offenbart mir, dass er entweder krank ist oder sich grad das Schlafen abgewöhnt.   „Also wenn Sie jetzt wegen der Birne…”, versuche ich ihn zu beruhigen. „Es geht nicht um die Birne. Es geht um die Kinder meiner Nachbarin. Die machen einen Krach, das können Sie sich nicht vorstellen. Das hält doch keiner aus. Wenn ich von der Nachtschicht komme, dann will ich meine Ruhe haben. Aber darauf nimmt ja hier keiner Rücksicht. Da sagt keiner : >>Seit doch mal ein bisschen leise, der Herr Rotleff schläft doch noch. Der hat die ganze Nacht Autos gebaut und der braucht jetzt seine Ruhe<<. Nein, da wird durchs Treppenhaus gebrüllt wie bei den Hottentotten.

Hatten die Hottentotten schon Treppenhäuser, frage ich mich. Das muss ich nachher unbedingt mal googeln.

„Da lässt sich aber nicht viel machen“, versuche ich ihm zu erklären. „Kinderlärm ist keine Ruhestörung. Jedenfalls in den allermeisten Fällen. Ich kann Ihnen gern mal eine Broschüre…”

„Ich will keine Broschüre, ich will meine Ruhe. Schließlich zahle ich Miete. Und da kann ich ja wohl verlangen, dass da kann ich verlangen ich meine, dass ist doch nicht zuviel verlangt.

Noch immer auf der Leiter stehend versuche ich ihn zu beruhigen. „Herr Rotleff, es gibt da ganz klare Gerichtsurteile die besagen, dass… 

„Wer hat denn diese Gesetze gemacht? Das waren doch die Politiker. Von denen wohnt doch kein einziger in einem Mehrfamilienhaus. Die wohnen doch alle am Starnberger See oder auf dem Steimker Berg. Was wissen die denn von wild gewordenen Schreihälsen, die von morgens bis abends lärmend meine Nerven strapazieren.

„Aber es sind doch Kinder, versuche ich ihn zu beruhigen. „Darum müssen sie sich doch nicht wie welche aufführen entgegnet mir Herr Rotleff. „Tut mir ja leid, aber wenn ich meine Ruhe haben will, und irgendwo Kinder herumlärmen, wo sie nach meinem Geschmack nicht zu lärmen haben und gütige Mütter das nicht unterbinden, sondern noch fördern, weil man ja einen so unheimlich liberalen Erziehungsstil drauf hat, und er beginnt damit seine Nachbarin zu imitieren. >>Jeremie-Pascale, du hast jetzt der Annemarie-Deborah schon viermal mit dem schadstoffarmen Bauklötzchen auf den Kopf gehauen und jetzt weint sie. Da reden wir aber nachher in der Therapie mal mit Frau Doktor Westphal-Schellendorf drüber. Und heute Abend bekommst du keine Hafer-Dinkelsoße über deine Grünkern-Bratlinge!<< dann nervt mich das halt. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, dem ein permanentes und durchdringendes Geplärre im Treppenhaus oder unter dem Balkon oder sonst wo, gehörig auf die Nerven geht. Deshalb werde ich ja noch lange nicht zum Kindermörder. Aber das sind doch nun mal einfach keine dem Ohr wohlgefällige Frequenzen. Zumindest den meinen nicht.

15:0 für Herrn Rotleff, denke ich. Und fühle mich auf meiner Leiter stehend, wie der Punktrichter beim Tennis. Aber das war ja auch leicht. Schließlich hatte er ja auch keinen Gegner. Der kommt jetzt. Durch das Öffnen der Wohnungstür gegenüber. Frau Seifert betritt die Bühne oder besser gesagt, den Center Court.

„Das habe ich genau gehört, was Sie da über mich gesagt haben Herr Rotleff.Das kann auch gerne jeder hören entgegnet er. „Ihre Kinder hört ja auch jeder!” „Was Sie als Lärm bezeichnen, Herr Rotleff, das nennt man ‚sozial adäquate Lebensäußerung‘.

„Das nennt man Kinderkrach-Kompetenzrunde kontert Herr Rotleff.Sie schicken Ihre Kinder zum Auslüften nach draußen, wo sie sich dann unter meinem Fenster bei ihren kindlichen Kreisch- und Schreiübungen austoben dürfen.

Aufschlag Seifert:Kinder brauchen Freiheit!Return Rotleff: „Freiheit heißt nicht Grenzenlosigkeit!

Ist das nicht schön?, denke ich. Zwei Menschen kommen ins Gespräch. Ich bin nur froh, dass es sich dabei nicht um die defekte Treppenhausbeleuchtung handelt. Ehrlich gesagt, Streithähne sind im allgemeinen zwar unbeliebt, aber immer unterhaltsam. Außerdem ist Streit nichts anderes, als das Unvermögen zweier Parteien ewig alles runterzuschlucken.

Aufschlag Frau Seifert. „Ich erziehe meine Kinder, wie ich das für richtig halte Herr Rotleff, sagt sie. „Das sollen Sie doch auch, Frau Seifert. Meine Bitte ist nur den Punkt ‚Rücksichtnahme‘ in Ihren Erziehungskatalog mit aufzunehmen”, entgegnet Herr Rotleff. „Die Jugend soll ihren Weg gehen, aber ein paar Wegweiser können nicht schaden.

„Was ist denn hier für ein Krach im Treppenhaus?“, ertönt es vom Erdgeschoss. „Quiet please”, ermahne ich den Zwischenrufer. „Aufschlag Seifert.

„Auf Kinder wirkt das Vorbild, nicht die Kritik. Das sagte schon Heinrich Thiersch. „Wohnt der hier im Haus?”, fragt Herr Rotleff irritiert. „Heinrich Thiersch, der berühmte Theologe. 1817 bis 1885”, fügte sie stolz hinzu. Als Beweis für ihr fundiertes Wissen. „Ich hab keine Ahnung wer das sein soll“, entgegnet Herr Rotleff. „Aber eines weiß ich genau. 1817 bis 1885 gab es noch keine Bobby Car Rennen auf blankem Laminat. Was weiß der schon!

Ich habe mir am Anfang meiner Hausmeister-Karriere solche Situationen hin und wieder vorgestellt. Zwei zerstrittene Parteien, eine verhärtete Situation. Null Aussicht auf Einigung, geschweige denn Kompromissbereitschaft.

Und dann komme ich! Und ich habe die Lösung aller Probleme gleich mitgebracht. Ich lasse die Parteien ihre Argumente austauschen und wenn es schier aussichtslos scheint, präsentiere ich… ‚Die Lösung’! Dann halte ich noch ein flammendes Plädoyer über gute Nachbarschaft und anschließend haben sich alle wieder lieb. Am nächsten Tag finde ich eine Packung Merci in den Satteltaschen meines Dienstfahrrads und ich bin in der ganzen Straße so beliebt wie Herr Kaiser von der Hamburg Mannheimer.

Aber leider habe ich keine Patentlösung dabei. Nur ein paar Glühbirnen.

Das Zuschlagen zweier Wohnungstüren reißt mich aus meinem Tagtraum. Sie sind weg. Ich stehe allein auf der Etage. Es ist auffällig still. Ich betätige den Lichtschalter, um zu sehen ob das Treppenhauslicht funktioniert. Das tut es. Warum auch nicht.

Wenn ich auch diesmal nicht zum Hausfrieden beitragen konnte… Glühbirnen austauschen kann ich. Das ist mein Job. Und mit dieser Erkenntnis fahre ich auf meinem Damenfahrrad auf der Goethestraße in den Sonnenuntergang. Sollte mein Blog jemals verfilmt werden, setzt jetzt Geigenmusik ein.

P.S. Zwei Formulierungen in diesem Blog sind angelehnt an Markus Karg und Peter Köhler. Ich habe sie nicht gekennzeichnet und gebe in diesem Zusammenhang meinen Doktortitel zurück.


| 14.08.2014 | 08:45 Uhr

Allgemein, Hausmeister : Einsamkeit macht erfinderisch

Andreas Lutz

Es war so gegen 15.30 Uhr als mich der Anruf von Frau Dallmann erreichte. Frau Dallmann ist eine meiner Lieblingsmieterinnen. Wenn sie mir den Ausdruck erlauben.

Eine kleine Frau Mitte siebzig der man ihr Alter auch durchaus ansieht. Die aber jederzeit  in der Lage wäre einen Handtaschendieb mit nur einem einzigen Faustschlag niederzustrecken.

Frau Dallmann ist alleinstehend. Ihr Mann ist schon vor Jahren gestorben. Oder abgehauen. In ihrem Wohnzimmer hängt ein Hochzeitsfoto das sie als junge Frau zeigt. Zusammen mit ihrem Bräutigam. Aber sie erwähnt ihn nicht. Sie spricht auch nicht von Kindern. Vermutlich hat sie keine. Frau Dallmann ist einsam. Das zur Erklärung warum Frau Dallmann tut was sie tut. Und auch heute hat sie es wieder getan.

“Sie müssen mal wieder vorbeikommen Herr Lutz. Also, das ist doch wie verhext. Ich wollte meine Post rausholen und dabei ist mir wieder das Briefkastenschloss… also das ist sozusagen… na Sie haben es ja das letzte Mal auch so schön reparieren können. Da ist wieder dieser, dieser…”  “Splint“, helfe ich ihr.  „Ja, dieser Splint ist abgegangen und dann ist das ganze Schloss, das ist dann… also, das ist dann regelrecht in den Briefkasten gefallen.”

“Frau Dallmann”, sage ich mit einer fast väterlichen Stimme als ich Minuten später mit ihr am Briefkasten stehe. “Das ist schier unmöglich. Beim Öffnen des Briefkastens kann der Splint nicht aus dem Schloss fallen.”

“Ist er aber!” erwidert die alte Dame. Und sie sagt es in einem Ton der mir zu verstehen gibt, dass jetzt “Ende der Diskussion” ist.

Eigentlich ist das, was sie da macht, mutwillige Zerstörung fremden Eigentums denke ich, als ich den Splint mit Hilfe eines Schraubendrehers zurück in das Schloss drücke. Dazu ist schon ein gewisser Kraftaufwand nötig. Niemals, ich wiederhole NIEMALS!!! fällt so ein Splint einfach heraus. Das ist schließlich auch seine Bestimmung. Fest zu sitzen. Dafür wurde er gebaut. Dafür wurde er erfunden. Hier wurde nachgeholfen. Ganz klar. Aber die alte Frau Dallmann kann das ohne Werkzeug nicht schaffen. Mit Werkzeug aber auch nicht. Sie muss einen Komplizen haben. Jemanden der ihr den Splint aus dem Schloss zieht.

Ich habe sofort den Jungen in Verdacht der mit seiner Mutter über ihr wohnt. Warum ich gerade ihn verdächtige weiß ich nicht. Ich bin sehr schnell mit meinen Verdächtigungen. So schnell, dass ich oft mit den Begründungen nicht hinterherkomme.

Ich verdächtige ständig jemanden. Ich kann gar nichts dafür. Egal ob es der ausgeleerte Aschenbecher neben der Hauseingangstür ist oder der Müllsack mit alten Schuhen in der Biotonne. Ganz egal was es ist. Ich habe stets sofort einen Verdacht. Nur meiner schlechten Menschenkenntnis ist es zu verdanken, dass sich keine meiner Verdächtigungen je bestätigt hat.

“So”, sage ich, als ich mein Werkzeug in meinem kleinen roten Jute-Beutel verschwinden lasse, “erledigt! Wenn der jetzt wieder rausfällt, weiß ich auch nicht.” “Ein schönes Fahrrad haben Sie”, beginnt sie eine lockere Plauderei. “Ja das ist es” versuche ich zu lügen. “Das ist mein ganzer Stolz.” “Immer schön abschließen” rät sie mir. “Nicht, dass es Ihnen mal geklaut wird.” Die Hoffnung habe ich aufgegeben, denke ich bei mir.

“Haben Sie denn jetzt noch mal einen Augenblick Zeit“? fragt sie und wartet erst gar nicht meine Antwort ab, sondern weist mir mit einer Geste an, ins Haus zu gehen. Wenn es so ist wie das letzte Mal, dann wartet in ihrer Stube (ich glaube ab einem gewissen Lebensalter heißen Wohnzimmer immer “Stube“) eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen auf mich.

Eigentlich hab ich noch ‚ne Menge zu tun, will ich sagen, aber dazu komme ich gar nicht.

“So als Hausmeister hat man auch nichts auszustehen oder? Was machen Sie denn eigentlich den ganzen Tag? Ich sehe Sie ja immer nur auf Ihrem Fahrrad hin und her fahren. Haben Sie eigentlich mal gesehen wie der Müllplatz aussieht?” Das waren keine wirklichen Fragen. Eher so etwas wie Feststellungen habe ich den Eindruck.

“Na, kommen Sie erstmal rein” sagt sie und schiebt mich vor sich her.

Tatsächlich stehen wir vor einem gedeckten Kaffeetisch. Zwei Tassen, eine Kaffeekanne, ein paar Stückchen Erdbeertorte und ein Tetrapack Vollmilch. Und ein Fotoalbum. Der Fernseher läuft. Wahrscheinlich den ganzen Tag. Zumindest darin unterscheiden wir uns nicht.

Einige Minuten später sitzen wir bei Kaffee und Kuchen und blättern im Fotoalbum. “Sehen Sie mal hier, das waren die ersten Häuser in der Schillerstrasse. Als es hier noch gar keine Strassen gab. Und keine Häuser. Und das hier war die Cianetti Halle.”

Im Fernseher läuft gerade “Hier ab vier” auf MDR und Axel Bulthaupt erklärt die Bedienung eines Blutdruckmessgerätes das ganz neu auf dem Markt ist. “Wie alt sind Sie eigentlich?” fragt mich Frau Dallmann während sie zur Fernbedienung greift um den Ton lauter zu stellen. “Lange müssen Sie doch auch nicht mehr arbeiten, oder?”  “Ich bin gerade erst 50 geworden” antworte ich. Nicht ohne ein Gefühl der Entrüstung. “50?” Sie blickt erstaunt. “Das hätte ich nicht gedacht. Ich hätte gedacht das Sie älter wären.” “Im Ernst” ? entgegne ich erstaunt und nehme mir ein weiters Stückchen Erdbeertorte. Vielleicht waren es die Jahre in der Gartenabteilung der Neuland und die sengende Hitze der Detmeroder Hochebene die mich so altern ließen. Die mir diese tiefen Falten ins Gesicht gruben. Die mich aussehen lassen wie einen kalabresischen Landarbeiter bei der Tabakernte. Vielleicht hat Frau Dallmann aber auch einfach nur was an den Augen. Ich beschließe einen Termin bei meinem Frisör zu machen. Unter Umständen ist es ihm möglich meine ursprüngliche Haarfarbe zu rekonstruieren. Grau macht mich vielleicht doch etwas zu alt. Oder bin ich tatsächlich nicht so alt wie ich mich fühle, sondern bereits viel viel älter? Zur Sicherheit merke ich mir den Namen des Blutdruckmessgerätes.

“So”, höre ich mich sagen. “Ich muss dann mal los. Ich kann ja schlecht den ganzen Nachmittag hier mit Ihnen Kuchen essen. Ich hab‘ schließlich noch ‚ne Menge zu tun.”  “Was haben Sie denn zu tun?” fragt sie verwundert. “Was macht so ein Hausmeister eigentlich den ganze Tag? Das hab ich Sie vorhin schon gefragt. Ist das heutzutage eigentlich ein richtiger Beruf oder kann das jeder machen? Das kann man doch gar nicht lernen, oder? Kann man Hausmeister lernen?”

Ich verspreche Frau Dallmann beim Weggehen ihr die Aufgaben eines Hausmeisters genau zu erklären. Das nächste Mal. Wenn ihr Briefkastenschloss wieder in den Briefkasten fällt. Sie fand die Idee gut und wir einigten uns auf nächste Woche.

Aus dem Fotoalbum von Frau Dallmann

Nebau
Die ersten bezugsfertigen Häuser der Neuland.

Kaffeerunde
Frau Dallmann feiert den 5. Geburtstag der Stadt.

Käfertreffen
Der frenetisch gefeierte erste Kreisel in Wolfsburg.

Spaziergang
Erster verkaufsoffener Sonntag. Allerdings noch ohne Geschäfte.


| 05.03.2014 | 09:26 Uhr

Allgemein, Hausmeister, Service : What does it mean “Schranktrocken“?

Andreas Lutz

Mein Telefon hat verdächtig lang nicht mehr geklingelt. Ungewöhnlich lang. In diesem Augenblick klingelt es. Man soll solche Gedanken nicht haben!!! Es hätte nie geklingelt wenn ich nicht daran gedacht hätte. Davon bin ich überzeugt.

Ich schaue auf das Display meines Handys und erkenne die Nummer eines Kollegen aus der Geschäftsstelle.

“Guten Tag, die Neuland, Hausmeister Lutz, was kann ich für sie tun?”

Ich sage das sehr betont. Fast schon melodiös, seit ich mich mal mit “Was is’n? “ meldete und dafür einen Rüffel kassiert habe.

“Hallo Andreas. Hast du mal Zeit? Oder hast du was zu tun? Ich hab hier den Herrn Populopulus aus der Heinrich-Heine-Straße. Zu seiner möblierten Wohnung gehört auch ein Wäschetrockner. Kannst du ihm die Funktionen mal erklären? Also die Bedienung? Ich meine, weil du doch griechisch sprichst. Er spricht nämlich überhaupt kein Deutsch.“

So, jetzt mal eins nach dem Anderen. “Erstens”, sage ich,  “nein, ich habe keine Zeit. Denn hätte ich Zeit würde das ja bedeuten ich hätte nichts zu tun. Und Hausmeister sein und nichts zu tun haben ist ein Widerspruch in sich. Zweitens: Siehe Erstens. Und Drittens: Ich spreche nicht griechisch, sondern italienisch. Und das noch nicht mal gut“.

„Aber Englisch sprichst du doch.“ “Ich hatte ‚ne 4 in Englisch” gebe ich ihm zu verstehen. “Im B-Kurs. Auf der Hauptschule“.

“Na ist doch super. Dann fahr da mal hin und mach das mal“. “Würdest mir einen riesen Gefallen tun”.

Ich glaube er hat mir gar nicht zugehört.

Ach was soll’s. Im Grunde sollte das für einen Kosmopoliten wie mich kein Problem darstellen.

Ich hab schließlich schon ganz andere Dinge gemeistert. Ich erinnere mich beispielsweise daran, dass ich… obwohl… Wenn ich genau überlege fällt mir echt keine Aufgabe ein, die komplizierter war als jene, auf die ich gerade zusteuere.

Na ganz toll. Ich weiß noch, dass ich mal eine griechische Freundin hatte, als ich 19 war. Und um ihre Familie zu beeindrucken wollte ich ein paar Brocken Griechisch lernen. Aus diesem Grund hatte ich mir damals  “Langenscheidts Praktisches Lehrbuch Neugriechisch” bei Großkopf gekauft. Ich hab aber nie reingeguckt, weil ihr Vater ihr sagte, dass er jeden Kerl, der kein Grieche wäre, eigenhändig zu Gyros verarbeiten würde. Da half es auch nichts, dass ich Andreas hieß. Ein Name der nachweislich aus dem Griechischen stammt. Wir haben uns dann erstmal vorsichtshalber für immer getrennt. Hätte ihr Vater damals gegenüber Ausländern wie mir nicht so eine Abneigung gehabt, dann würde ich sicherlich griechisch sprechen und müsste mir jetzt keinen Kopf machen. (Das Buch hab ich noch. Ist noch wie neu. Also wenn jemand Interesse hat…)

Aber ein Wort kann ich ja. Damit kann ich ja erst mal anfangen.

Das muss Herr Populopulus sein, denke ich, als ich den freundlich dreinblickenden Herrn am Hauseingang stehen sehe. Ich werde also schon erwartet. “Kalimera” begrüße ich ihn. Damit ist mein Griechisch dann auch schon erschöpft. Ab jetzt wird improvisiert. Mein Gegenüber allerdings konnte das ja nicht ahnen und erzählte in seiner Landessprache munter drauf los. Würde mir genauso gehen, wenn mir in Johannesburg ein Schwarzafrikaner zur Begrüßung ein “Hallo, Guten Tag” entgegenbrächte. Ich käme ja auch nicht darauf, dass das alles ist was er kann.

“Moment please” falle ich ihm ins Wort.

“Äh…I can not  speak…” – was heißt denn Griechisch auf Englisch? “I can not speak grease. Nee! Nicht grease! Ich versuche es erneut. Der gute Mann schaut jetzt doch sehr verwundert. “My name is Mister Lutz. I am the… “  housemaster? überlege ich. Blödsinn! Oh je. I am… I will help you with the drymachine.

Ich krieg ‚ne Krise. Ich rede ja noch bekloppter als Lothar Matthäus auf der Pressekonferenz der New Jersey MetroStars.

Spontan fällt mir da der ehemalige Außenminister Guido Westerwelle ein. Der sagte einem Reporter der BBC mal: “Es ist Deutschland hier. Bitte stellen Sie Ihre Fragen auf Deutsch.” – Respekt!

Man stelle sich vor der Außenminister von Äquatorialguinea würde sagen: “Es ist Äquatorialguinea hier. Bitte stellen Sie Ihre Fragen auf Fang, Bubi oder Kreolisch.”

In Burkina Faso hätte er es dann sogar noch etwas leichter. Da könnte er sich aus ca. 70 afrikanischen Sprachen eine aussuchen.

Aber ich bin ja nicht der Außenminister.

Ich bin Hausmeister Lutz.

Also noch mal ganz von vorn.

“My name is Andreas Lutz. I am from the Neuland and I will help you to use the drymachine.”

“Do you unterstand me?”

Der Grieche nickt.

Aber sein Gesichtsausdruck verrät mir, dass er mindestens genauso wenig verstanden hat, wie ich mich im Gegenzug genauso wenig verständlich ausgedrückt habe.

Gemeinsam machen wir uns auf den Weg in den Waschkeller.

“Do you know the meaning of the word „Knitterschutz“?”, frage ich ihn während wir auf der Treppe nach unten sind.

Herr Populopulus lächelt.

“Wollpflege or Mischgewebe”?

“Do you know the word Schranktrocken?”

Na, das wird ein Spaß!


| 08.01.2014 | 13:58 Uhr

Allgemein, Hausmeister : Heldentaten müssen warten

Andreas Lutz

Ich neige gelegentlich dazu zu vergessen, dass ich einen Fahrradanhänger dabei habe. Was zur Folge hat, dass durch meine bisweilen unorthodoxe Fahrweise das eine oder andere Arbeitsgerät, das ich im Anhänger transportiere, wortwörtlich auf der Strecke bleibt.

Wer schon einmal gesehen hat wie Donald Duck mit Auto und Wohnwagen durch den Grand Canyon fährt, der weiß was ich meine.

Ich hatte schon als Kind ein gestörtes Verhältnis zu Bordsteinkanten und Bodenwellen. Und der Anruf der aufgeregt klingenden Mieterin die mir sagte, dass Wasser aus der Wand im Heizungskeller kommt, bedeutete ganz klar: Hier ist Eile geboten!

Nur mal angenommen ich würde – nur um Zeit zu sparen – auf dem Weg zum “Keller, in dem das Wasser läuft” schon mal die LSW anrufen… (Was natürlich nur hypothetisch ist, da ich ja beim Fahrrad fahren gar nicht telefonieren darf)… Aber nur mal angenommen.

Dann könnte ich vielleicht Schlimmeres verhindern.

Ich sehe die Schlagzeile in der Tageszeitung schon vor mir.

“HAUSMEISTER VERHINDERTE DURCH BEHERZTES HANDELN KATASTROPHE IN DER INNENSTADT”

Nee. Das ist zu lang. Das muss kurz und knackig sein.

“HAUSMEISTER RETTET MIETER VOR DEM ERTRINKEN”

Das klingt doch gut.

Andererseits…

Wenn ich jetzt die Welle mache und dann ist nichts!?

Wenn durch mich die LSW mit schwerem Geschütz auffährt und wir suchen dann mit sechs Leuten stundenlang nach einer feuchten Stelle in der Wand?

“ FATALE FEHLEINSCHÄTZUNG DES HAUSMEISTER LUTZ KOSTET NEULAND UNSUMMEN”

“FENSTERSANIERUNG VORERST AUF EIS GELEGT”

oder

“HAUSMEISTER LUTZ NARRT LSW, FEUERWEHR UND THW!”

Ich wäre mit einem Schlag bei Mietern und Kollegen so beliebt wie Uli Hoeness auf der Geburtstagsfeier von Christoph Daum.

Nein. Ich schau mir das dann doch lieber erstmal an.

Als ich mein Ziel erreiche, inspiziere ich als erstes meinen Fahrradanhänger. Sieht so aus als hätte ich unterwegs nichts verloren. Ein Trugschluss. Wie mir aber erst später auffallen wird, wenn ich den Müllsammler brauche. Ich schließe mein Fahrrad ab. Ob es wirklich nötig ist jedes Mal das Rad abzuschließen? Wer zur Hölle stiehlt so ein Rad? Auch der größte Lump besitzt doch so etwas wie Selbstachtung.

Ich betrete den Hausflur. Zu meiner Überraschung steht die Hauseingangstür offen.

Das sieht man nicht oft. Im Gegenteil. Ich habe es schon des Öfteren erlebt, dass Hauseingangstüren am Abend sogar noch zusätzlich verschlossen wurden. Ich kann versprechen, sollte es in dem Haus mal brennen und das Treppenhaus voller Qualm sein, gibt es vor der verschlossenen Haustür ein großes “Hallo”. Mit etwas Glück findet man die Eingeschlossenen aber nach Öffnung der Haustür noch im mittlerweile wahrscheinlich undruchdringlichen Qualm. – Es sei denn man stolpert vorher schon über Schuhschränkchen, Blumenarrangements oder ähnliche Dinge, die so zur Dekoration im Treppenhaus stehen. Obwohl, Behaglichkeit fängt nicht erst hinter der Wohnungstür an, sage ich immer. Ein schön dekoriertes Treppenhaus (die Feuerwehr nennt das übrigens Fluchtweg) ist die Visitenkarte der Menschen die darin wohnen.

Ich halte es für die beste Idee bei der Dame zu klingeln, die den Schaden gemeldet hat. Sie soll mir zeigen wo das Wasser aus der Wand kommt. Ich werde dann die entsprechenden Maßnahmen treffen. Beziehungsweise die entsprechenden Mitarbeiter oder Firmen beauftragen die entsprechenden Maßnahmen zu treffen.

Ich klingle also.

Es öffnet mir eine Dame, die mich ganz stark an Miss Marpel erinnerte. Also wenn ich sie beschreiben würde, dann so.

“Das ist aber schön, dass Sie so schnell gekommen sind” sagt sie als sie mich sieht. “Wollen wir gleich mal runtergehen? Ich muss mir nur mal eben die Schlüssel einstecken, sonst komm ich nachher nich mehr rein.”

“Können Sie mir die Kellertür öffnen?”, frage ich sie. “Haben Sie denn keine Schlüssel für das Haus?” entgegnet sie mir. “Als mein Richard noch lebte, da hat er auch als Hausmeister gearbeitet. In der Hellwinkel-Schule. Der hatte für alles Schlüssel. Der hatte so einen großen Ring und da waren alle Schlüssel dran. Haben Sie so was nicht?”

Ich stelle mir gerade vor wie groß der Ring sein müsste an den ich alle Schlüssel hänge die ich eventuell mal gebrauchen könnte. Ich betreue 888 Wohnungen verteilt auf 75 Hauseingänge. Ich komme zu dem Schluss, dass es sich in jedem Fall um einen sehr großen Ring handeln würde.

“Ich war vorhin im Keller und da habe ich das gesehen. Und da habe ich Sie gleich angerufen.” “Das haben Sie gut gemacht“, sage ich. “Ich bin ja die Einzige im Haus, die sich noch ein bisschen kümmert. Sonst macht ja keiner was. Ich könnte Ihnen Sachen erzählen… “

Sie öffnet die Tür zur Kellertreppe und ich blicke nach unten.

Der Kellerboden ist trocken!

Keine eindringenden Wassermassen, die den Keller bereits bis zur ersten Kellertreppenstufe geflutet haben…

Ade, du Tapferkeitsmedaille.

Leb wohl, Ehrenbürgerschaft.

Dabei könnte ich gerade jetzt ein bisschen Rückenwind gebrauchen. Läuft grad nicht so gut bei mir. Also beruflich.

Dabei war das damals ja gar nicht meine Schuld (ist es eh nie). Wer konnte denn ahnen, dass es sich bei den Schrankteilen im Fahrradkeller um einen Retro-Design Schrank von “Joop” und eine Kommode von “WHO’S PERFECT” handeln würde? Also erstens gehört so was nicht eine ganze Woche lang in den Fahrradkeller und zweitens… Jedenfalls hätte ich schwören können, dass das Sperrmüll ist. Genau wie der armen Putzfrau, die die Badewanne von Joseph Beuys saubergemacht hat, hat sich auch mir der Wert des Objektes nicht offenbart.

Nun gut, ich hätte ja erstmal im Haus fragen können wem’s gehört und ob das noch gebraucht wird, aber ich war mir sicher die Antwort schon zu kennen. Es gibt in diesem Fall nämlich nur drei Arten von Antworten.

1. “Also mir nicht.”
2. “Das steht da schon seit ich eingezogen bin.”
3. “Das gehört dem, der ausgezogen ist.”

War jedenfalls keine schöne Sache damals.

Da war es auch kein Trost, dass die wertvollen Möbelstücke ja gar nicht wirklich verloren waren. Sie stehen heute vermutlich in irgendeiner Wohnung in Vilnius. Jedenfalls hatte der Wagen, in den die Möbel eingeladen wurden nachdem ich sie auf einen Speermüllhaufen am Straßenrand gelegt hatte, ein Kennzeichen aus Litauen.

Mein zweiter Blick fällt auf den schmutzigen Boden und die alten Zeitungen, die in einer Ecke liegen. Ich fasse spontan den Entschluss nachher mal einen dritten Blick zu werfen. Und zwar auf den Hausreinigungskalender.

Hier gibt es Gesprächsbedarf!

Anders als im Treppenhaus hat man hier auf Behaglichkeit ganz offensichtlich keinen Wert gelegt.

Das schreit förmlich nach einem persönlichen

“Wie mache ich ordentlich die Hauswoche-Auffrischungsseminar”!

“Wo kommt denn nun das Wasser aus der Wand?”, frage ich, nachdem ich nichts entdecken konnte. “Da hinten”, sagte sie und zeigte auf ein Rohr direkt unter der Decke.

Würde jetzt eine Filmkamera laufen, würde ich für einige Sekunden direkt in die Linse schauen. Genau so wie es Oliver Hardy immer getan hat wenn er fassungslos war.

Dort oben war eine kleine nasse Stelle, die sich allmählich zu einem Tropfen formte. Bis dieser dann, weil er zu schwer wurde, zu Boden fiel. “Platsch”. Bis zum Fallen des nächsten Tropfens verging eine geraume Zeit. Das war so, als würde man Farbe beim Trocknen zusehen. Oder einem Schwaben beim Arbeiten.

“Hatten Sie nicht gesagt, das Wasser käme aus der Wand?”, frage ich erstaunt. “Ja hab ich. Wären Sie sofort gekommen, wenn ich gesagt hätte dass es nur tropft?”

“Ja natürlich“, antworte ich.

“Vielleicht“, korrigiere ich mich.

“Mein Richard, der Hausmeister in der Hellwinkel Schule war, hat immer gesagt, wenn du willst, dass einer kommt, dann musst du einfach ein bisschen….”

“Na die Hauptsache ist doch Sie sind jetzt hier und machen das heile bevor noch was passiert.”

“Ich werde meine Kollegen informieren, dass sie das in Ordnung bringen”, verspreche ich ihr.

“Wie? Machen Sie das nicht selbst?”

“Nein. Wir haben dafür Mitarbeiter die entsprechend ausgebildet sind”, kläre ich sie auf. “Und was machen Sie dann? Ich meine, dann hätte ich Sie doch gar nicht erst anrufen brauchen, wenn Sie nur  kommen und dann doch nichts machen.”

“Aber ich mach ja was” widerspreche ich ihr.

“Was denn?” “Ich schaue mir den Schaden an und kann dann meinen Kollegen genau beschreiben was das Problem beziehungsweise was genau kaputt ist.”

“Mein Richard hat das alles immer selbst gemacht”, sagte sie voller Stolz – aber auch ein bisschen vorwurfsvoll.

“Ich darf zum Beispiel nicht an elektrischen Leitungen arbeiten, weil ich kein ausgebildeter Elektriker bin. Ich darf auch keine Wasserrohre reparieren, weil ich dafür keine entsprechende Ausbildung habe. Das erlaubt auch die Berufsgenossenschaft nicht.”

“Was haben Sie denn für eine Ausbildung?“ möchte sie von mir wissen.

“Ich bin Zierpflanzengärtner” antworte ich.

Ich habe für einen Moment das Gefühl als habe sie nun das Bedürfnis in die Linse einer Filmkamera zu gucken.


| 15.11.2013 | 10:02 Uhr

Allgemein, Hausmeister, Service : Die Sache mit dem Müll

Andreas Lutz

Montag 07:00 Uhr: Arbeitsbeginn. Stimmt nicht ganz, denn eigentlich bin ich schon seit 05:30 Uhr unterwegs. Heute beginnt eine ungerade Kalenderwoche und das heißt für mich: “Bio-Tonnen an die Straße stellen“. So eine volle Bio-Tonne stinkt nicht nur zum Gotterbarmen, sie ist auch richtig schwer. Und sie sorgt auch für den richtigen Sound, wenn man sie, wie ich jetzt, über Kopfsteinpflaster zieht. Wer, wie z.B. Familie Müller Meier Schmidt, unter deren Schlafzimmerfenster ich gerade polternd die Tonne vorbei ziehe, bei offenem Fenster schläft, dürfte spätestens jetzt wach sein. Dazu kommt die Duftspur der Verwesung, die sich wie ein unsichtbarer Schleier seinen Weg durch das auf Kipp stehende Fenster sucht. Ich habe nur eine wage Vorstellung davon, wer mich heute Morgen alles zum Teufel wünscht. Dabei ist es nun wahrlich nicht meine Schuld (ist es sowieso nie), dass ich schon früh am Morgen Krach machen muss. Die Müllabfuhr beginnt um 06:00 Uhr mit der Abholung und bis dahin müssen alle meine Tonnen an der Straße stehen. Basta. Als Hausmeister muss Mann tun was Mann tun muss.

Bis jetzt war mein Diensthandy ausgestellt. Aber nun, da es 07:00 Uhr ist und meine Arbeitszeit offiziell beginnt, schalte ich es ein. Gleich wird es piepen und mir sagen, dass ich Anrufe in Abwesenheit hatte und dass meine Mailbox Nachrichten für mich bereit hält. Bingo! Auf mein Handy ist Verlass! Ich habe 9 Anrufe in Abwesenheit und auf meiner Mailbox warten 2 Anrufe darauf, abgehört zu werden. Bei den 9 Anrufen in Abwesenheit handelt es sich immer um die gleiche Nummer. Das ist nicht gut. Wenn jemand so oft versucht hat anzurufen, dann muss es wichtig gewesen sein. Hab ich gestern irgendjemand versetzt? Vielleicht einen Studenten, dem ich die Schlüssel für sein Studentenzimmer übergeben wollte? Einen Studenten, der extra aus “Ganz Weit Weg” angereist kam und nun, da ich nicht zum verabredeten Termin erschien, in seiner Verzweiflung wieder und immer wieder meine Nummer anrief? Die Nummer seines Hausmeisters. Seinem einzigen Ansprechpartner in der Fremde. Vielleicht seinem einzigen Freund, den er in dieser Stadt jemals haben wird. Allein in Wolfsburg. Diesem Schmelztiegel des … Ach was soll’s… ich werde mich später darum kümmern. Ist eh zu früh um zurückzurufen.

Vielleicht ein Wort zur Erklärung.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass zimmersuchende Studenten, die von so “Ganz Weit Weg” kommen und daher ein Zimmer vor der Anmietung nicht selbst in Augenschein nehmen können, hin und wieder davon ausgehen, dass der Hausmeister auch nach Feierabend noch im Gebäude anzutreffen ist. Der geneigte Leser weiß natürlich, dass dem nicht so ist. Alle anderen wissen es bitte jetzt. In meinem Fall sitzt der Hausmeister nach Feierabend in der Regel vor dem Fernseher und nutzt sein Sky Abo. Und das Handy ist aus. Apropos Handy!

Jetzt erst mal die Mailbox abhören. Anruf 1 – Freitag 26.6.  19:34 Uhr: “ Hallo, ist da der Hausmeister? Ich wollte nur sagen, dass bei uns im Treppenhaus die Birne kaputt ist. Ich dachte es gehört zu Ihren Aufgaben das zu kontrollieren. Ich frag mich, wann da mal jemand kommt und das repariert. Oder muss erst jemand stürzen? Trotzdem, schönen Tag noch.”

Kein Name. Keine Adresse. Keine Telefonnummer um zurückzurufen. Na ja, bei 75 Hauseingängen die ich betreue… für mich ein Klacks. Da hab ich ja schon mal eine schöne Aufgabe für heute.

Anruf 2 – Freitag 26.6. 19:36 Uhr: “Ja, ich noch mal. Mein Name ist Rotleff, Lessingstraße 97. Wegen dem Licht.” Na siehste, geht doch. Auf einen Schlag hab ich mir mindestens 4 Stunden Sucherei erspart. So gesehen hab ich die ja jetzt übrig. Könnt ich ja heute eher gehen.

Das mit der Birne im Treppenhaus mach ich später. Aber ich schreib mir das mal lieber auf. Bevor ich es vergesse. Ich fühl mich sicherer, wenn ich immer alles aufschreibe. Ich hab so ein ganz tolles Notizbuch geschenkt bekommen in das ich alles reinschreibe. Sie stehen bestimmt auch schon mit drin. Ich schäme mich nicht zu sagen, dass mein Gedächtnis zu 80 Prozent aus Rindsleder besteht.

In diesem Notizbuch steht auch drin was ich mir für heute vorgenommen habe. Als Erstes: Mülltonnenplätze sauber machen. Das ist übrigens ein Eintrag den ich niemals abhaken kann. Dieser Eintrag bleibt dauerhaft in meinem Büchlein, denn er ist von immerwährender Gültigkeit. Müllplätze sind in den meisten Fällen wahre Müllplätze. Ich habe mich bereits mit allem bewaffnet, was ich zum Säubern eines Müllplatzes brauche. Ich habe es ordentlich im Anhänger meines Dienstfahrrads verstaut. Mein Dienstfahrrad ist mein ganzer Stolz! Ein Dreigang Damenrad mit Körbchen am Lenker. Da kann man sicherlich im Laufe der Jahre noch nachbessern.

Ich erreiche ziemlich schnell den Platz, der es am nötigsten hat. Die fein säuberlich neben den Tonnen abgestellten Abfallsäcke sind leer und der Inhalt liegt wie ein Teppich über dem Platz verteilt. Mein Blick fällt auf den Handpuster. Damit hätte ich in Sekunden alles zusammengepustet. Bräuchte es nur in die Restmülltonne zu schaufeln. Ich hab gelesen so ein Handpuster ist so laut wie eine vorbeifliegende F 16. Mit dem Unterschied, dass diese F16 ja nicht vorbei fliegt. Sie kreist vielmehr über dem Müllplatz. Dann halt doch lieber oldschool. Zu einem richtigen Hausmeister gehört eben auch ein richtiger Straßenbesen.

Obgleich ich sagen muss, dass mir ein Mieter schon mal zu Dank verpflichtet war als ich ihn durch das Geräusch (“Krach” ist so ein hässliches Wort) meines Pusters aus dem Schlaf gerissen hatte. Sein Wecker hatte in der Nacht den Geist aufgegeben und nur durch mich und meinen Laubbläser hatte er nicht verschlafen. Gut möglich, dass er dadurch einer Abmahnung seines Arbeitgebers entging. Laubbläser können also so gesehen durchaus auch Arbeitsplätze erhalten. Zumindest in diesem Fall.

Noch etwas fällt mir immer wieder auf. Es betrifft das Trennen von Müll. Ich glaube, dass viele Menschen glauben, dass man Müll gar nicht trennen kann, weil Müll ja nur aus einer Silbe besteht. Dabei ist Mülltrennen so überaus wichtig. Gerade in Zeiten wie diesen. Den “Geiz ist Geil” Zeiten. Ich erlebe es hin und wieder, dass Tonnen nicht abgeholt werden, weil sie außer dem, was reingehört, auch ganz viel beinhalten, was nicht reingehört. Ganze Kinderwagen finden sich in der Gelben Tonne. Altkleider in der Papiertonne. Auf diesen Tonnen klebt dann ein Etikett auf dem steht „Fehlbefüllung”. Das ist so eine Art „Post-it” von der Müllabfuhr und bedeutet, dass sie für einen Haufen Geld noch mal wiederkommen und die Tonne abholen. Geld, das wir uns sparen sollten. Und lassen sie mich an dieser Stelle noch etwas hinzufügen:

Mülltrennen rettet nicht die Welt.
Mülltrennen rettet die gute Beziehung zum Hausmeister.

Dass mein Handy klingelt, genau in dem Moment da ich zum Besen greifen will, wundert mich nicht wirklich. Denn genau so war es gestern auch. Und vorgestern. Und vorvorgestern und und und….

Eine aufgeregt klingende Stimme bittet mich schnell zu kommen, denn im Heizungskeller kommt Wasser aus der Wand. Ich werfe meinen Besen in den Anhänger und düse los.

Früher hätte man mich erst stundenlang suchen müssen. Ich hätte mühelos den Müllplatz reinigen können. Vielleicht sogar noch zwei, drei weitere. Ok, der Keller würde dann vermutlich unter Wasser stehen, der Müllplatz allerdings wäre sauber. Doch jetzt, da alle ein Handy haben…

Das nur mal zur Erklärung, warum Müllplätze immer vermüllt sind. Warum der Hausmeister kommt und dann unverrichteter Dinge wieder wegfährt. Es liegt am Mobilfunk.