04.12.2014

„Wir kommen kaum noch raus“

Serie: Sechs Mann unter einem WG-Dach

Vier Fahrzeugtechnik-Studenten in einer WG. Da gibt es auch so was: ein Bett mit Ambiente-Beleuchtung. „Dann stößt man sich nachts nicht den Zeh. Es ist angelehnt an die Unterbodenbeleuchtung bei japanischen Autos der 90er“, erzählt Sebastian. Der Kfz-Mechatroniker ist ein Bastler und Tüftler. Am Wochenende arbeitet er oft in der Werkstatt seines Vaters in Bersenbrück. Oder er schraubt an Autos seiner alten Freunde. „Es fing mit meinem 1er-BMW an. In der Nähe von Osnabrück hatten wir eine kleine BMW-Clique. Mit der Zeit stieg die Leistung der Motoren. Da gibt es dann auch mal Optimierungen Richtung 450 PS und viele andere Umbauten. Vielleicht wird das eher mein Standbein als der Bachelor of Engineering. Eher verbessern als entwickeln.“

Autos und das Studium: zurzeit die großen Themen in der WG – auch weil die Semester härter sind als gedacht. „In der Woche kommen wir kaum noch raus. Von uns vieren hat keiner alle Klausuren bestanden“, sagt Sebastian. Alexander, Danny, Fabio und er lernen viel zusammen und unterstützen sich auch moralisch.

Zum dritten Mal sind wir zu Besuch in der Sechser-WG in der Lessingstraße. Zu ihr gehören auch Christoph und Marcel. Sie studieren Management im Gesundheitswesen. Inzwischen gibt es noch einen imaginären siebten Mitbewohner: Jordan Belfort. Neben dem Tisch in der Küche hängt ein großes Plakat von „The Wolf of Wall Street“. In dem Blockbuster spielte Leonardo di Caprio den erfolgreichen Broker, der ins Gefängnis kam, nachdem er Tausende Anleger skrupellos abgezockt hatte. „Das ist einer unserer Lieblingsfilme“, erzählt Danny. Jordan Belfort ist zum Running Gag geworden. Wir sprechen ihn öfter mal an: „Und? Jordan, was hältst du davon?“ Er hat sogar schon einen eigenen Briefkasten.

An die freie Küchenwand kommt eine alte Werksjacke von VW. Alle Gäste der Einweihungsparty haben darauf unterschrieben. Rund 40 kamen zur Bottle-Party im Oktober. Sechs Lautsprecher in Küche und Flur, Lichtorgel und Discokugel, ansonsten kein Brimborium. „Man trinkt, man schwätzt und fertig. Irgendwann wird es immer witziger“, fasst Fabio zusammen. Das Merkwürdigste war jemand, der mit einer Weinflasche mit Strohhalm kam. Morgens um vier backten Danny und Sebastian Brötchen auf. Einige liefen noch draußen herum. Die Letzten kamen erst um sechs Uhr von Burger King zurück. 

Die Küche ist auch sonst der Haupttreffpunkt der WG. Marcel sorgt für Musik und kocht abends ab und zu. Auch Sushi hat er schon ein Mal für alle zubereitet. Ab und an sitzen sie gemeinsam mit Cola-Rum und Shisha am Tisch, um vom Unistress abzuschalten. Ansonsten zocken Fabio und Christoph gern FIFA 15. Im internationalen Onlinewettkampf sind sie mittlerweile in der ersten Liga. Danny restauriert gerade liebevoll ein altes Fahrrad, das er im Keller gefunden hat. „Ein bisschen oldschool soll es werden“, so der 24-Jährige. Marcel spielt Handball beim MTV Vorsfelde, Fabio Fußball beim TV Jahn.

Alexander ist kurz davor, wieder American Football zu spielen. Mit 17 war der Berliner bei den Spandau Bulldogs. „Ich hatte die Möglichkeit, oben mitzuspielen, habe mich dann aber lieber aufs Abi konzentriert.“ Die Begeisterung für das Auspowern, die Taktik und den Teamgeist hielt indes an. Inzwischen war er schon bei den Wolfsburg Blue Wings zum Probetraining. Das mentale Coaching, das er beim Sport erlebt hat, hilft ihm nun auch fürs Studium. Über den Schreibtisch hat er sich Karten mit Motivationssprüchen und Zitaten von Einstein bis Roosevelt gehängt. „Manchmal nervt der trockene Stoff. Dann motiviert es mich, weiterzulernen, wenn ich auf die Karten schaue.“ In seinem Zimmer erinnert viel an die USA: ein New-York-Teppich, Sofakissen und eine große US-Flagge. „Ich war schon vier Mal dort. Die offene Art, die landschaftliche Vielfalt und die Leidenschaft zum Sport finde ich faszinierend.“ 

In Sebastians Zimmer nebenan hängt auch eine Fahne: von BMW. An seinem fahrbaren Bildschirm plant er gerade das Turbo-Tuning an einem BMW X5 50i. Das Schrauben und Reparieren erfüllt ihn. Hat einer von ihnen Geburtstag, schenken ihm die anderen immer etwas, das er wirklich gebrauchen kann. Marcel bekam DJ-Equipment, Fabio eine Apple Magic Mouse, Alexander neue Bremsklötze für sein Auto – und Sebastian einen Drehmomentschlüssel.