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Spannende Zeitgeschichte

Ein neues Buch erzählt über die NEULAND in Diktatur und Demokratie – zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Im Sommer 1938 wurde die Stadt des KdF-Wagens gegründet – mit dem Ziel, eine nationalsozialistische Musterstadt zu werden. Die NEULAND brachte ab dem 2. November 1938 den Wohnungs- und Stadtaufbau voran. Über die ersten Unternehmensjahre berichtet nun ein 368 Seiten starkes Buch: „Die NEULAND baut der Stadt das Haus“. Das vielseitige Werk ist aber auch eine Architektur-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte von 1938 bis in die frühen 1970er-Jahre – mit über 200 Abbildungen. Herausgeber ist das Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (IZS). Das Buch – erschienen im Wallstein-Verlag – ist für 35 Euro erhältlich.

Das Buch macht deutlich, wie eng die Geschichte der NEULAND mit der Entstehungsgeschichte der Stadt des KdF-Wagens – des heutigen Wolfsburgs – verbunden ist.

Anita PlacentiLeiterin des Instituts für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation

Worüber erzählt das Buch?

„Das Buch macht deutlich, wie eng die Geschichte der NEULAND mit der Entstehungsgeschichte der Stadt des KdF-Wagens – des heutigen Wolfsburgs – verbunden ist“, so IZS-Leiterin Anita Placenti. „Innerhalb der Unternehmensgeschichte spannen wir den Bogen von der Gründung über die Nachkriegsjahre bis in die frühen 1970er-Jahre. Dabei betrachten wir das Wohnen selbst, die Entscheidungsprozesse im Unternehmen sowie dessen Kommunikations- und Marketingstrategien. Die Studie zeigt, dass verantwortungsvolle Erinnerungsarbeit dort beginnt, wo wir bereit sind, alle Kapitel unserer Stadtgeschichte ehrlich in den Blick zu nehmen.“

Wie kam es dazu?

Im September 2017 wurde der Spatenstich für das Bauprojekt „Wohnen und Handel am Schlesierweg“ gesetzt. Eine Reporterin des NDR fragte Hans-Dieter Brand: „Wie kann es sein, dass ein Unternehmen mit nationalsozialistischer Vergangenheit hier auf dem Gebiet des ehemaligen Außenlagers des Konzentrationslagers Neuengamme ein Einkaufszentrum baut?“ Er war erst seit 2015 Geschäftsführer der NEULAND und mit der Frage komplett überfordert und daher froh, dass der damalige Oberbürgermeister Klaus Mohrs sich zu der Frage äußerte, erinnert er sich. „Natürlich sind wir heute weit entfernt von der ursprünglichen Geschichte. Dieses sensible Kapitel der Unternehmensgeschichte hatten wir aber bislang nicht aktiv im Blick.“ Als das IZS nun Interesse daran hatte, unsere Unternehmensgeschichte aufzuarbeiten, fiel das auf fruchtbaren Boden. Heute steht die NEULAND für demokratische Werte, soziale Verantwortung und die Daseinsvorsorge in Wolfsburg, schreiben Hans-Dieter Brand und NEULAND-Geschäftsführerin Irina Franz im Vorwort.

Wie war die Quellenlage?

Zunächst sehr karg, erzählten die beauftragten Historiker Dr. Alexander Kraus und Dr. Maik Ullmann bei der Buchvorstellung in der Stadtbibliothek. Denn die Geschäftsführer der NEULAND in den Jahren 1938 bis 1945 ließen kurz vor dem Kriegsende die gesamte Korrespondenz mit der Deutschen Arbeitsfront (DAF) verbrennen. „Wir hatten dann aber das Glück, dass im IZS der Schriftverkehr des Stadtbaubüros überliefert ist.“ Weitere wichtige Quellen waren Nachlässe von Architekten, das Bundes- und Landesarchiv und alte Krankenversicherungskarten der AOK Gifhorn auf Mikrofilmen. Genutzt wurden auch Festschriften und Reden von Jubiläumsfeiern der NEULAND.

Anspruch und Wirklichkeit

In der Gründungsphase der Stadt verhinderten bald Material- und Arbeitskräftemangel die Verwirklichung der großen Pläne. Avisiert waren 90.000 Einwohner in 24.000 Wohnungen. 1942 wurde der zivile Wohnungsbau indes weitgehend eingestellt. 2.915 Wohnungen waren bis dahin bezugsfertig. 1943 lebten in der neuen Stadt nicht einmal 8.000 Einwohner sowie etwa 13.500 Zwangsarbeiter. Die Recherche belegt nun: Ein Teil des Bestandes am Schillerteich sowie in den Höfen wurde zwischen 1940 und 1941 auch mithilfe von Zwangsarbeitern erbaut. Zeitzeugenberichte oder Fotos liegen allerdings nicht vor. Nach dem Kriegsende, so die Autoren, war „der Mythos der Wirtschaftswunderstadt“ nur möglich, weil alte NS-Eliten weiter wirken konnten – bei VW, der Stadt, im Stadtbaubüro und bei der NEULAND. Es gab eine Transformation hin zu einer demokratischen Stadtgesellschaft, aber auch personelle und strukturelle Kontinuität.

Vielfältige Einblicke

14 Autoren haben an dem Buch mitgearbeitet. So geben zum Beispiel auch Ansichtskarten Einblick ins städtische Leben im Wandel der Zeit. Erzählt wird über Kunst am Bau, über Diskurse der 1950er-Jahre in der NEULAND-Mieterzeitschrift „Unsere vier Wände“ und über die Architektur der frühen 1960er-Jahre. Sehr ergiebig sind auch Kapitel über migrantisches Wohnen, das Barackenräumprogramm sowie über Ausstellungen, Jubiläumsfeiern und ein Bilder- und Malbuch als Ratgeber.

Buchpräsentation in der Stadtbibliothek

Dr. Alexander Kraus und Dr. Maik Ullmann präsentierten das Buch gemeinsam mit IZS-Leiterin Anita Placenti vor interessiertem Publikum in der Stadtbibliothek Wolfsburg im Alvar-Aalto-Kulturhaus. Moderiert wurde die Buchvorstellung von Dieter Landenberger, Leiter Heritage der Volkswagen Group.