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Alle kamen aus dem Nichts

Hannelore Holub erzählt über ihre Kindheit in den Höfen, prominente Nachbarn und originelles Styling.

Samstags klingelte bei ihnen im Dantehof immer ein Bettler. Aber nur so lange, bis Hannelore Eggerling (so der Geburtsname) sechs Jahre alt war. „Da entdeckte ich, dass er am Klieversberg einen Mercedes mit Braunschweiger Kennzeichen geparkt hatte. Er legte sein Holzbein hinein und kam mit seinem Beinstumpf an Krücken“, erinnert sie sich. „Nachdem ich das erzählt hatte, bekam er keine fünf Pfennige mehr.“ Ihre Eltern waren sehr hilfsbereit, erzählt die inzwischen 77-Jährige. Aber im Überfluss lebte hier in den 1950er-Jahren niemand. „Wir kamen ja alle aus dem Nichts.“

Wir kamen ja alle aus dem Nichts.

Hannelore HolubMieterin der NEULAND

Kindheit in den Höfen: Erinnerungen an Nachbarschaft, Zusammenhalt und wenig Wohlstand

Ihr Vater, ein ausgebildeter Modelltischler, hatte den Spitznamen Bau-Otto: „Er konnte aus allem etwas herstellen. Er machte aus Fliegerseide Brautschuhe; gestaltete Sitzbänke und Garderoben. Mein Vater war klein von Statur, aber für mich ein sehr großer Mann.“ Ihre hilfsbereite, gesellige Mutter derweil war Teil einer Frauen-Clique. Zu der gehörte auch Frau Lehnert. „Ihr Mann war Chef der Feuerwehr. Als meine Mutter an Bauchhöhlenkrebs erkrankte, organisierte er, dass sie jede Woche in einem Feuerwehrauto zur Bestrahlung ins ehemalige Luftwaffenlazarett in Braunschweig gefahren wurde.“

Gegenüber wohnten die Borks. Hugo Bork war in Wolfsburg ab 1951 VW-Betriebsratsvorsitzender und ab 1961 Oberbürgermeister. „Aber für mich waren die Borks Onkel und Tante. Ging sonntags das Rollo hoch, lief ich rüber. Erst mal putzte ich mit dem Onkel Schuhe. Ab zehn Uhr bereitete die Tante Nudeln zu. Die durfte ich vom Brett kratzen, ins Wasser rein. Zwischendurch verbesserte Herr Bork meine Aussprache: ‚Nun sag mal: Ein schweres schwarzes Schwein.‘ An der Porschehütte gab es früher eingezäunte Wildschweine. Er hatte mitbekommen, dass ich rief: Guckt mal, ein schreres schrazes Schrein.“ Ab 14.04 Uhr hörten sie dann im Radio das Reisemagazin „Zwischen Hamburg und Haiti“.

Hannelore Holub erzählt von Milchmann Scholz und den Märchen-Lackbildern, die man beim Kauf eines halben Pfundes Rama bekam. Sie erinnert sich an Spiele wie „Deutschland erklärt den Krieg“, bei dem ein Stein in Kreideländer gekickt wurde. Beliebt war auch Schlagball. Einmal schlug jemand den kleinen Lederball mit einem „ausgeliehenen“ Treppengeländerpfosten vom Dantehof bis in die Schillerstraße – wo er ein Fenster zerstörte. „Es gab keinen großen Ärger. Vater hat ein neues eingesetzt.“ Dort, wo heute das Hospizhaus steht, war in ihrer Kindheit ein Lehmberg. Regnete es, rutschten sie auf Pappen herunter. Am Klieversberg hingegen gab es die Todesbahn. Die war im Winter meist spiegelglatt vereist. Ein Treffpunkt für sehr Mutige.

Die Ur-Wolfsburgerin ist den Höfen als Wohnort weitgehend treu geblieben. Es gab nur einen kurzen Abstecher zu Don Camillo in Detmerode. Heute wohnt sie nun in der Goethestraße. Seit 50 Jahren! Ihre Wohnung ist die ehemalige Praxis vom stadtbekannten Dr. Willi Wolf. „Onkel Willi hat mich im Dantehof auf die Welt gebracht, ich war eine Hausgeburt. Heute ist sein ehemaliges Praxis-Röntgenzimmer meine Küche.“

Eine Wand in der Küche hängt inzwischen voller Bäume, fotografierten und getöpferten. Daneben steht ein Spruch: „Familie ist wie ein Baum. Die Zweige können in unterschiedliche Richtungen wachsen, doch die Wurzeln halten zusammen.“ Die Wurzel, das sei sie, kommentiert Hannelore Holub. So lädt sie Sohn Thomas, ihre vier Enkel und ihre Urenkelin zum Beispiel an jedem Sonntag zum Mittagessen ein. Letzte Woche servierte sie Tafelspitz mit Kartoffeln und drei Gemüsesorten. „Wenn keiner die Haare geschnitten haben möchte, kommt dann um 15 Uhr meine Freundin zum Karten spielen.“

Gefragt fürs Haare stylen ist Hannelore Holub, weil sie seit 63 Jahren als Friseurin arbeitet! Sie war der erste Lehrling im 1962 eröffneten Salon Brigitte. Noch heute frisiert sie montags und samstags bei „Friseur Eggestein am Kunstmuseum“, beim Sohn von Firmengründerin Brigitte Eggestein. Erzählstoff hat sie bei Bedarf sicher genug. Es ist ein Erlebnis, ihren vielen unterhaltsamen Storys zuzuhören. „Ich bin nicht alt, ich bin nur schon ein bisschen länger jung als andere“: Auch dieser Spruch hängt bei ihr in der Wohnung. Sie erzählt uns noch, dass alle Enkelkinder auf ihrer Flur-Holzdiele Fahrrad und Rollerblades fahren lernten, dass sie ihre Brillen farblich auf die Bekleidung abstimmt, dass sie gerade in Prag war und eine Dauerkarte für die VfL-Fußballerinnen hat. „So ist das Leben“, resümiert sie – „ein schönes Leben.“ Zum Abschied versorgt sie uns noch mit einer Tüte Äpfel. Ein toller Vormittag.

Eindrücke

Persönliche Momentaufnahmen aus dem Leben und Zuhause von Hannelore Holub, die ihre Geschichte, ihren Stil und ihre Verbundenheit mit Wolfsburg zeigen.